Sanwald wirft beim fch die flinte nicht ins korn: „21 punkte sind noch draußen“
Holger Sanwald redet sich den Frust nicht schön. Er schaut trotzdem. „Nach jedem Spieltag kontrolliere ich die Tabelle, dann knalle ich das Handy weg und fange an zu planen“, sagt der Vorstandschef des 1. FC Heidenheim. 18. Platz, neun Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz – das ist die nackte Realität, 30 Jahre nachdem er das Amt übernahm und den Klub vom Kreisliga-Keller bis in die Europa League führte.
Warum der rekord-coach schmidt bleibt
Frank Schmidt wird nicht gehen. Das war die erste Weiche, die Sanwald vor der Länderspielpause stellte. Der 52-Jährige hatte Fluchtgedanken, nachdem ihm die Mannschaft in Mainz, Augsburg und Bremen regelmäßig den Hals nicht vollends umdrehte. Sanwald blockte ab: „Wir machen keine Hire-and-Fire-Show. Wer uns von der Oberliga bis hierher bringt, darf auch den Abstieg mitgestalten.“ Schmidt unterschrieb symbolisch durch Weiterarbeit – der Vertrag läuft bis 2027, das Handschlagversprechen gilt sofort.
Die Wintertransfers waren Rettungsanker, keine Zukunftsmusik. Hennes Behrens, Leonidas Stergiou, Eren Dinkci und Christian Conteh kamen – alles Spieler, die den Verein schon im Sommer abblitzen ließen. „Freiburg und Hoffenheim haben uns damals ausgelacht“, erinnert sich Sanwald. „Im Januar hat sich die Machtfrage verschoben, plötzlich waren wir gefragt.“ Die Kontinuität auf der Trainerbank plus die Verpflichtungen geben dem Boss eine Operationsbasis, egal ob Liga eins oder zwei.

Die taktik: kopf weg von der tabelle, blick nach vorn
Sanwald hasst Hochrechnungen. „Wenn wir gegen Leverkusen und Stuttgart jeweils 3:3 machen, warum nicht gegen Gladbach und Union gewinnen?“ Die Frage ist rhetorisch, die Antwort liegt in der Kabine. Der 1. FC Heidenheim schafft Spiele auf Augenhöhe, verspielt sie aber mit individuellen Schnitzern. Die Punkte gegen Bayer waren der erste Dopaminstoß seit Wochen. „Ein Sieg kann eine Lawine auslösen“, sagt Sanwald und klingt dabei wie ein Mann, der schon oft Lawinen überlebt hat.
Neun Punkte in sieben Spielen – das wäre keine Zauberei, sondern Normalform. Der Plan lautet: Mönchengladbach attackieren, Berlin überrennen, dann kommen direkte Kontrahenten wie Bochum und Kiel. Sanwald rechnet laut: „Wenn wir zwei Mal gewinnen und ein Unentschieden holen, sind wir bei sechs Punkten. Dann muss ein Konkurrent zweimal verlieren – fertig ist das Wunder.“
Parallel lauert die 2. Liga. Kaderplanung, Gehaltsstruktur, Stadionausbau – alles steht. „Wir bauen nie auf Sand, sondern auf Beton“, sagt Sanwald. Der Beton heißt Schmidt, die Stahlträger heißen Behrens & Co. Der Vorstandsboss weiß: Selbst ein Abstieg wäre nur eine Etappe, keine Bankrotterklärung. „Der FCH ist keine Eintagsfliege. Wir haben schon Landesliga gespielt – und waren trotzdem jeden Tag glücklich.“
Am 4. April in Gladbach wird sich zeigen, ob die Rechnung aufgeht. Sanwald wird wieder das Handy wegknallen – und dann weiterschauen. 30 Jahre lang hat er nicht aufgegeben, warum also jetzt?
