Salihamidzic schwärmt vor bosnien-playoff: juve-thermometer, gattuso-begeisterung, barella-wehmut
Hasan Salihamidzic, 49, sitzt in München, spricht perfektes Italienisch und fühlt das Herz in Zenica schlagen. „Niemand hat den 2:1-Sieg von 1996 vergessen, niemand“, sagt er, und man hört den Lärm von Sarajevo durchs Telefon drohnen. Heute Nacht will Bosnien erneut das große Italien ärgern – und der Ex-Juve-Flügelflitzer liefert den Soundtrack.
Der thermometer-klub heißt juventus
„Wenn die Signora nicht läuft, läuft auch die Nazionale nicht“, analysiert Salihamidzic. Der Blick auf Turin ist ihm Programm: Erfolg der Serie A misst er seit Jahren an der Leistung der Alten Dame. „Ich bleibe lebenslang Bianconero, das steht fest. Aber ich hoffe, dass der Aufschlag erst nach diesem Playoff kommt.“ Denn die Bosnier brauchen das Ticket zur WM in Amerika – und das ist mehr als Fußball, es ist Staatsraison in einem Land, das 3,2 Millionen Seelen zählt und sich selbst über Sport definiert.
Die Atmosphäre im Bilino Polje Stadion wird laut, aber nicht groß. „Klein, wunderschön, unbequem für Gäste“, lacht Salihamidzic. „Die Tribünen wackeln, wenn 13.000 Leer rohen. Dzeko und Kolasinac kennen die italische Mentalität, sie werden die Jungen führen.“ Dazu gesellt sich der 19-jährige Alajbegovic, den Brazzo „generational talent“ nennt – und der Stuttgarter Demirovic, „der immer Tore zieht, wenn er spielt“.

Gattuso und bayern-déjà-vu
Salihamidzic schwärmt von Gattuso: „Charakter wie Eisen, damals auf dem Platz, heute auf der Bank.“ 2007 schmiss Gattusos Milan das Bayern seiner aus dem Champions-League-Achtelfinale. „Er war ein Krieger, jetzt ist er ein Stratege. Dazu Buffon an seiner Seite – mit dem tausche ich noch heute regelmäßig Sprachnachrichten.“ Chiellini, der neue Technische Direktor der FIGC, kriegt ebenfalls Lob: „Kennt jeden Stein im Spiel, wird Italien wieder auf Kurs bringen.“
Bei aller Rivalität schwingt Wehmut mit. „Barella hätte im Bayern-Trikot laufen können“, sagt er und seufzt. „Wir haben ihn lange beobachtet, aber Inter war schneller.“ Auch Locatelli und Esposito nennt er „spielentscheidend“. Italien mag keine Galaktischen mehr haben, doch Salihamidzic warnt: „Wenn drei, vier Junge gleichzeitig brennen, ist das alles andere als ein leichtes Los.“
Ein Video macht seit Tagen die Runde: Italiener, die in einem Fan-Club jubelten, als Bosnien im letzten Spiel traf. Salihamidzic grinst: „Unsere Jungs haben das gesehen. Motivation ist Programm, wir brauchen keine Extra-Reden.“

1996 War der erste schritt, heute soll der nächste folgen
Sein Tor gegen Sacchis Azzurri war mehr als ein Treffer – es war ein Befreiungsschlag für eine junge Nation. „Wir haben unseren Schmerz vergessen, zumindest für 90 Minuten“, erinnert er sich. „Heute geht es um dasselbe Gefühl: Wir wollen Amerika, wir wollen das erste WM-Ticket seit 2014. Und wir glauben fest daran.“
Die Zahlen? Bosnien blieb in zehn Heimspielen ungeschlagen, kassierte nur viermal mehr als ein Gegentor. Italien kam in fünf Auswärtsspielen nur zweimal über 1,5 Tore hinaus. Kleine Muster, aber sie zeigen: Der Underdog trägt Rüstung.
Salihamidzic wird in München vor dem Fernseher sitzen, das Trikot von 1996 bereitliegen. „Wenn der Schiri pfeift, bin ich wieder 19“, sagt er. „Und wenn der Schiri abpfiff, hoffe ich, dass Italien vielleicht doch ein bisschen älter aussieht als wir.“
