Ruud gullit zieht bilanz: frankreich und spanien sind die favoriten

Ruud Gullit steht noch immer so breit da wie 1988, nur die Locken sind weg. Im Hotel 'Wellington' in Madrid trifft ihn Angelika Klein – und der Europapokalsieger von 1988 liefert Prognosen, mit denen er auch beim TSV Pelkum Gesprächsstoff schürt.

Die champions league geht durch münchen oder paris

Keine Zeit für Nostalgie. Die Frage nach dem Titelträger beantwortet Gullit mit knapper Stimme: „Bayern oder PSG – mehr ist da nicht drin.“ Er schätzt die Münchner Ballbesitzmaschine ebenso wie die Pariser Individualität. „Beide haben die richtige Mischung aus Erfahrung und Tempo“, sagt er und tippt auf das Halbfinale, das am Dienstag beginnt.

Dabei bleibt der Niederländer cool. „Ich schaue nicht nur auf Stars, ich schaue auf Rhythmus“, betont er. Wer den kontrolliert, gewinnt auch den Henkelpott. Seine These: Bayern besitzt den Automatismus, PSG den Punch – wer zuerst trifft, entscheidet die Serie.

Weltmeister wird frankreich – oder spanien

Weltmeister wird frankreich – oder spanien

Zum WM-Turnier in Amerika zeigt sich Gullit noch deutlicher. „Frankreich und Spanien stehen eine Nasenlänge vorn“, sagt er. Argentinien? „Tolle Mentalität, aber zwei Titel hintereinander schafft fast niemand.“ Er zählt die Zahlen runter: nur Italien 1934/38 und Brasilien 1958/62 schafften das Kunststück. „Messi kann zaubern, Physik und Statistik aber auch.“

Dabei schiebt er seinem Liebling Pedri ein Sonderlob hinterher. „Er arbeitet wie ein Boxer im Mittelfeld – Balleroberung, Gegenpressing, immer präsent.“ Genau das habe seinerzeit Milan groß gemacht: verteidigen, um anzugreifen. „Pedri versteht, dass der Job ohne Ball wichtiger ist als mit Ball.“

Italiens defensive ist geschichte

Italiens defensive ist geschichte

Den Italienern, einst seine zweite Heimat, hält Gullit den Spiegel vor. „Chiellini und Bonucci weg – damit auch die DNA“, kritisiert er. Die Squadra Azzurra leide unter Selbstüberschätzung. „Früher standen wir Stunden lang in Ketten, nur um die Räume zuzustellen. Heute will jeder sofort spielen, vergisst aber, zu verteidigen.“ Seine Forderung: nicht Catenaccio, aber ein Kompaktgefühl, das Hand in Hand mit modernem Passspiel geht.

Ein Blick auf die deutsche Bundesliga bleibt dagegen aus – „zu viele Umbrüche gleichzeitig“, sagt er knapp. Stattdessen lobt er den spanischen Nachwuchs: „Lamine Yamal ist 16 und schon entscheidend. Das erinnert mich an eigene Debüts – nur dass die Medien heute jeden Schritt verfolgen.“

Rassismus und politik: „sprechen kostet punkte“</h2<p>gullit weiß, wovon er spricht. 1987 widmete er seinen ballon-d’or-sieg nelson mandela – und bekam vom anc sofort den rat, das thema nicht weiterzureissen. „heute ist es gefährlicher denn je“, sagt er. „jeder satz wird gespeichert, jede meinung gegen dich verwendet.“ deshalb verstehe er spieler, die sich raushalten. „aber schweigen macht dich nicht automatisch zur marionette – manchmal schützt es nur die karriere.“</p><p>dabei habe sich wenig geändert: pfeifkonzerte, bananenwürfe, soziale medien als brandbeschleuniger. „solange strafen lächerlich bleiben, wird sich nichts bewegen“, so gullit. „die verbände müssen endlich zahlen lassen – mit punkten, nicht mit geld.“</p><h2>real und barça jammern zu viel

Rassismus und politik: „sprechen kostet punkte“gullit weiß, wovon er spricht. 1987 widmete er seinen ballon-d’or-sieg nelson mandela – und bekam vom anc sofort den rat, das thema nicht weiterzureissen. „heute ist es gefährlicher denn je“, sagt er. „jeder satz wird gespeichert, jede meinung gegen dich verwendet.“ deshalb verstehe er spieler, die sich raushalten. „aber schweigen macht dich nicht automatisch zur marionette – manchmal schützt es nur die karriere.“

dabei habe sich wenig geändert: pfeifkonzerte, bananenwürfe, soziale medien als brandbeschleuniger. „solange strafen lächerlich bleiben, wird sich nichts bewegen“, so gullit. „die verbände müssen endlich zahlen lassen – mit punkten, nicht mit geld.“

real und barça jammern zu viel

Zum Clásico-Thema lacht er nur kurz. „Beide haben schon Profite aus Schiedsrichterfehlern gezogen, jetzt heulen sie“, sagt er. Die Rote Karte gegen Camavinga nannte er „dumm, vermeidbar, aber korrekt“. Beim FC Barcelona seien die VAR-Entscheidungen „klar wie Kloßbrühe“. Wer auf Risiko spiele, dürfe sich nicht über Konsequenzen wundern.

Er sieht das größere Problem im Selbstverständnis der Giganten. „Früher dominierte Madrid durch Kollektiv, jetzt zählen sie Einzelaktionen“, analysiert er. Barca wiederum verliere durch zu hohe Verteidigungslinien „immer den Hinterhof“. Sein Fazit: „Wenn du besser bist, aber verlierst, ist das kein Betrug – das ist Fußball. Wer nicht lernen will, muss leiden.“

Am Ende bleibt ein Satz hängen, der auch auf den eigenen Werdegang passt: „Trophäen sind schön, aber die wahre Größe zeigt sich, wenn du weißt, wann du den Ball verlieren darfst.“ Gullit steht auf, 1,91 Meter, breite Schultern – und kein Gramm Nostalgie.