Rothfuss und schmiedt schwingen schwarz-rot-gold zum abschluss
Cortina d’Ampezzo, 14. März 2026 – Die Fahne schlägt zweimal. Andrea Rothfuss und Christian Schmiedt werden sie gemeinsam tragen, wenn die Winter-Paralympics im Curling-Stadion von Cortina ihre letzten Sekunden ticken. Kein Video-Gruß, keine leere Sesselreihe: Diesmal steht das komplette Team Deutschland auf der Tribüne – und zwei Athleten, die ihre Sportarten prägten wie kaum andere.
Rothfuss’ letzte fahrt mit flagge
Die 36-jährige Skirennläuferin hatte das schwarz-rot-goldene Tuch bereits 2012 in Sotschi auf ihre Schultern gelegt. Damals war sie 25, frisch gebackene Slalom-Weltmeisterin. Heute, nach 14 Paralympics-Medaillen, nennt sie diese Spiele „meine persönliche Zielgerade“. Die linke Hand fehlt ihr seit der Geburt, die Depression nach der letzten Saison drohte, sie aus dem Weltcup zu drücken. Im Dezember kam sie zurück – und fuhr sofort auf Platz vier. „Dass ich die Fahne noch einmal halten darf, ist wie ein doppelter Schlusspunkt“, sagt sie. „Einmal für die Karriere, einmal für das Leben.“
Im Super-G und Riesenslalom wurde sie Vierte, in der Super-Kombination Sechste. Keine Medaille, aber genug Punkte, um sich selbst zu beweisen: Die Beine halten, der Kopf auch.

Schmiedt plant nicht, aber trägt
Christian Schmiedt reiste als Ein-Mann-Delegation an. Der 37-jährige Snowboard-Pionier ist seit Jahren das deutschen Para-Snowboard – er ist Startnummer, Betreuer und PR-Agent in einem. Im Cross wurde er Neunter, im Banked Slalom Zehnter. „Beste Platzierung eines Nicht-Profis“, sagt er lachend, „aber mein echter Job beginnt hinter der Piste.“ Er spricht Schulen an, postet Trainingsvideos, bittet um Spenden für Nachwuchsboards. „Wenn ich 2030 noch fahre, bin ich 41. Aber wenn ich dann nicht mehr allein im Startgate stehe, habe ich gewonnen.“
Die Entscheidung, ihn zur Fahnenzeremonie zu nominieren, fiel kurz nach seinem letzten Lauf. „Völlig überraschend“, sagt er. „Ich dachte, die wählen jemanden mit Medaille. Offenbar zählt auch, wer die Sportart erfunden hat, die noch erfunden werden muss.“

Warum cortina statt mailand
Die Abschlussfeier findet im kleinen Curling-Stadion statt – 3 000 Sitzplätze, keine 50 Meter Laufbahn. Die Athleten aus Mailaner Disziplinen (Eishockey, Eisschnelllauf) bleiben außen vor, weil die Arena kein WLAN für Live-Bilder und keine Sitzreihen für Rollstühlgleiter bietet. Der Deutsche Behindertensport-Bund (DBS) hatte nach der verkürzten Eröffnungsfeier in Verona Druck gemacht, jetzt reist wenigstens der Cortina-Teil an. „Wir wollten ein Zeichen setzen: Abschluss heißt Anwesenheit“, sagt DBS-Sprecherin Linda Groß. Rothfuss und Schmiedt sind das sichtbarste Symbol – sie bleiben bis Sonntag, wenn die Flamme erlischt und die Dolomiten wieder nur Berge sind.
14 Medaillen hat Rothfuss geholt, Schmiedt keine – aber beide tragen jetzt dieselbe Fahne. Das ist der Spitzensport in Reinform: Manchmal zählt nicht nur, was man gewinnt, sondern dass man überhaupt noch dabei ist, wenn die Musik verstummt.
