Ribery zieht bilanz: bayern ist keine mannschaft, sondern ein lebensgefühl
Franck Ribery sitzt nicht mehr auf der Bank, aber er ist noch längst nicht raus. Der 40-Jährige schaut sich die Rückspiele der Champions League an und schüttelt den Kopf: „Das ist keine Elf, das ist ein Organismus.“ Gemeint ist der FC Bayern, gemeint ist die Maschine, die Atalanta Bergamo binnen 180 Minuten auseinander genommen hat.
Was die Italiener in München erlebten, war keine Niederlage, sondern eine Demonstration. 3:0 lautete die Visitenkarte, doch die Zahlen lügen: Die Wahrheit steckt im Tempo, im Druck, in der Kälte, mit der der deutsche Rekordmeister auch die letzte Unsicherheit aus dem Körper der Gäste gespült hat. Ribery kennt dieses Gefühl. Er lebte es zwölf Jahre lang.
„Kult“ ist hier kein marketingwort, sondern alltag
Die Allianz Arena ist keine Kulisse, sie ist ein Labor. Ribery erklärt es so: „Wenn du morgens durch das Tor fährst, riechst du schon die Pflicht. Nichts riecht nach Geld, alles riecht nach Erwartung.“ Der Franzose gewann mit Bayern 25 Titel in 425 Einsätzen. Kein Platzverweis in der Bundesliga. Kein Training versäumt. „Das ist keine Disziplin, das ist Kultur“, sagt er und tippt sich gegen die Stirn. „Die steckt hier drin. Und die steckt in jedem, der hereinkommt.“
Die Atalanta von Gian Piero Gasperini war in dieser Saison Europas Überraschungsgast. 23 Tore in der Gruppenphase, Ajax ausgeschaltet, Sporting Lissabon weggespült. Doch gegen München wurde aus dem Sturm ein Stottern. Die Statistik liefert das Foto: 28 % Ballbesitz, null Torschüsse aus dem Strafraum, 112 Fehlpässe. Ribery lacht, aber nicht höhnisch. „Ich habe keine Angst vor Worten: Das war eine Klatsche, aber eine faire. Weil sie lautlos war. Weil sie ohne Fouls war. Weil sie mit Klasse war.“

Der franzose lernt jetzt, wie man erfolg weiterreicht
Ribery ist kein Rentner. Er sitzt seit Oktober 2022 nicht mehr auf der Bank, aber er steht seit März 2024 in Coverciano. Die italienische Trainer-Fortbildung hat ihn eingekreist. Lizenz B liegt auf dem Tisch, Lizenz A in der Mappe, die Uefa-Pro prüft er im Sommer. „Ich will nicht erzählen, wie ich früher war. Ich will zeigen, wie ich morgen bin“, sagt er und meint: Wenn er eine Mannschaft übernimmt, soll sie nicht Ribery spielen, sondern Ribery denken.
Ob das in Italien passiert? Vielleicht. Ob das in Deutschland passiert? Wahrscheinlicher. Der FC Bayern hat ihn nie als „ehemaliger Spieler“ abgestempelt. Ribery durfte nach Abschiedsspielen mitfliegen zu Auswärtsspielen, durfte im Klubhaus essen, durfte mit Nachwuchstrainern sprechen. „Wenn du hier warst, bist du nie weg“, sagt er. Und das klingt nicht nach Klischee, sondern nach Vertrag. Nach einem, den niemand unterschrieben hat, aber alle einhalten.
Atalanta muss nun drei Tage nach der 0:3-Demontage in München eine Antwort finden. Ribery wird wieder vor dem Fernseher sitzen. „Die Jungs von Bergamo haben Charakter. Aber Charakter reicht nicht, wenn der Gegner auch noch eine Idee hat.“ Dann lacht er wieder. Diesmal klingt es nicht wie ein Siegerlachen. Es klingt wie das Lachen eines Mannes, der weiß: Irgendwann ist er wieder auf der anderen Seite der Linie. Und dann wird er genau das verlangen, was er selbst gelernt hat: dass Kultur nicht verhandelbar ist.
