Reto berra beendet 89-jahre-fluch: sein blick ging zum himmel, der puck war unten im netz

Um 21:37 Uhr explodierte die BCF-Arena. 7. Spiel, 66. Minute, Lucas Wallmark trifft zum 3:2 – und Reto Berra wirft sich auf die Eisfläche, als wolle er sie küssen. 89 Jahre hat der HC Fribourg-Gottéron auf diesen Moment gewartet. Der 39-jährige Torhüter hat sie alle mitgezählt.

Der vater im rücken, der puck im tor

„Ich hab in den Himmel geschaut, zu meinem Vater“, sagt Berra, noch immer die Maske halb abgenommen, die Stimme brüchig wie Sprungstahl. 2011 starb der Mann, der ihn zum Schlittschuhlaufen brachte, an Lungenkrebs. Seitdem trägt Berra dessen Initialen hinter dem Kragen. „Bei meinem ersten Titel 2009 war er noch da. Jetzt ist er oben. Aber ich hab ihn in jedem Power-Play gespürt.“ Die Reporter wollten wissen, wann er das letzte Mal so geweint habe. Antwort: „Als ich 14 war und er mir sagte, dass ich's schaffen würde.“

Die Zahlen sprechen eine andere Sprache: 41 Paraden in Spiel 7, 93,8 % Fangquote in der Finalserie, zwei Shutouts gegen Davos. Doch die Statistik kann nicht erklären, warum Berra nach Wallmarks Tor nicht zum Jubel sprintete, sondern erst einmal in sich zusammensank, als wolle er sich selbst auffangen. „Ich wusste, dass das meine vielleicht letzte Chance war“, sagt er. „Ich hab mein ganzes Leben dem Eishockey untergeordnet. Freundin, Familie, Ferien – alles nach hinten geschoben. Wenn du mit 39 noch mal Meister wirst, weißt du: Der Zins für Disziplin ist unglaublich hoch, aber er zahlt sich aus.“

Letzte saison, erster stern

Letzte saison, erster stern

Die Ironie ist perfekt: Gerade in seiner letzten Saison vor dem Karriereende reisst Gottéron den Fluch. Gemeinsam mit Julien Sprunger, der seit 18 Jahren im Klub ist und drei Finalniederlagen wegsteckte, stemmt Berra den silbernen Pokal in die Höhe. „Wir sind keine Youngster mehr“, grinst Sprunger, „aber dafür jetzt Legenden.“ Die Bilder werden die nächsten 89 Jahre durch die Gänge der Academie geistern: Berra in seinem fleckigen Trikot, das er nach dem Schlusspfiff nicht mehr ausziehen will, und Sprunger, der ihm die Cap über die Augen zieht.

In der Kabine läuft „Ich han dr glaubt“ von Patent Ochsner, ein Song, den man in Freiburg sonst nur nach Siegen gegen Bern aufdreht. Heute ist er die Hymne für einen Torhüter, der in der Overtime gegen Davos zwei Penaltys kratzte, dann mit 38 Jahren noch einen Split-Save machte, als wäre er 25. „Wir haben dieses Jahr gelernt, dass Scheitern keine Option ist, sondern ein Prozess“, sagt Berra. „Und ich hab gelernt, dass du nie aufhörst, für den Vater zu spielen, der dir das Schießen beigebracht hat.“

Um 23:12 Uhr verlässt Berra die Halle. Die Fans rufen seinen Namen, er hebt die Hand, aber der Blick geht wieder nach oben. Der Pokal ist unten, der Vater oben. Und irgendwo dazwischen schwebt ein 39-jähriger Goalie, der gerade bewiesen hat: Manchmal braucht es 89 Jahre, um eine Sekunde zu verstehen.