Recktenwald startet ohne vertraute – sprint wird zur zitterpartie

Johanna Recktenwald steht heute vor ihrer zweiten Paralympics-Prüfung – und erstmals ohne Emily Weiß an ihrer Seite. Die 27-jährige Marpingerin muss die Sprint-Verfolgung mit Ersatz-Guide Adrian Schuler bestreiten, nachdem ihre Stamm-Begleiterin an einer Magen-Darm-Infektion laboriert.

Kurzfristiger wechsel auf der loipe

Kurzfristiger wechsel auf der loipe

Die Kombination aus Sehbehinderung und neuem Lotse verwandelt den 7,5-km-Wettkampf (Start 12.30 Uhr im Ersten) in ein Hochrisiko-Manöver. Schuler, sonst Techniker im DSV-Team, absolviert sein Debüt als Wettkampf-Guide – ein Umstand, der selbst Routiniers ins Schwitzen bringt. „Wir haben gestern noch zwei Runden Rollski gezogen“, sagt Recktenwald, „Adrian muss jetzt jeden Ton meiner Stimme lesen können.“

Der Druck ist immens. Nach Bronze im Einzel und Rang fünf im Sprint führt kein Weg an der Medaillen-Zone vorbei, will sie ihre Saison- Bilanz von drei Podestplätzen nicht ruinieren. Sportdirektorin Katja Reider verrät: „Johanna kann sich die Schanzenanalyse nicht mehr visuell merken. Jede Information muss akustisch sitzen – das ist mentale Arbeit in Reinform.“

Die Streckenposten haben zusätzliche akustische Markierungen installiert, damit Recktenwald Schneekanten und Gefälle frühzeitig erkennt. Doch die größte Unbekannte bleibt die Taktik. Ohne Weiß´ erprobte Impulssprüche fehlt das emotionale Ventil, das Recktenwald sonst in der finalen Runde entfesselt.

Die Quoten für einen zweiten Edelmetall-Coup sind laut Wettanalysten trotzdem gesunken – von 4,0 auf 6,2. Zu groß scheint das Risiko, dass Schuler bei Tempo 55 km/h eine Führung verreißt. Recktenwald selbst kontert: „Ich habe mir meine erste Medaille ohne Perfektion geholt, warum sollte die zweite anders kommen?“

Die Athletin aus dem 2.000-Seelen-Ort Marpingen ist es gewohnt, gegen die Statistik zu arbeiten. Ihre Behinderung diagnostizierte man mit zwölf Jahren, mit 16 stand sie erstmals auf dem Weltcup-Podest. Heute, zwölf Jahre später, könnte ihre Zahlenreihe eine weitere Drei bekommen – oder eine bittere Sieben, falls das Experiment schiefgeht.

Die Medaillen-Entscheidung fällt um 13.15 Uhr, wenn die Zielgerade in einem Nebel aus Atem und Schneegestöber versinkt. Sollte Recktenwald ins Ziel flitzen, wird auch Adrian Schuler seine erste Medaille um den Hals tragen – nur dass sie für ihn unsichtbar ist. Und für sie unvergessen.