Kwasniok kämpft ums überleben: köln stürzt in die relegationsangst

Der 1. FC Köln taumelt. Punktgleich mit dem Relegationsplatz, nur noch zwei Siege aus 16 Spielen – die Saison, die mit euphorischem 4:1 gegen den HSV begann, droht im Debakel zu enden. Lukas Kwasniok sitzt auf dem heißesten Stuhl der Liga.

Der absturz hat system

Die Zahlen sind brutaler als jede Schlagzeile: Seit dem 4. Spieltag hat Köln 30 Punkte liegenlassen, zwei Mal gewann man, zwölf Mal kassierte man den entscheidenden Gegentreffer nach der 75. Minute. Ein Muster, kein Zufall. „Wir finden Wege, uns selbst zu schwächen“, sagte ein leitender Angestellter anonym – und meinte damit nicht nur die individuellen Fehler, sondern die kollektive Panik, die sich mit jedem vergeblichen Laufzug vergrößert.

Kwasniok redet sich tapfer in Pressekonferenzen. „Der Wind wird sich drehen“, beteuerte er am Donnerstag, als hätte er Meteorologen im Trainingslager. Die Realität sieht anders aus: Gegen Bochum leisteten sich die Geißböcke 14 Ballverluste im Aufbauspiel, in Mainz waren es 12. Beide Male führten diese direkt zu Toren. Wer so spielt, muss nicht über Schiedsrichter oder Pech jammern – er muss überleben.

Kessler beobachtet, die uhr tickt

Kessler beobachtet, die uhr tickt

Thomas Kessler, Sport-Geschäftsführer und einst selbst Keeper in Krisenzeiten, hat die Lage intern auf „kritisch“ heruntergestuft. Keine Show, keine Ultimaten, aber: Er verlangt jetzt Punkte, nicht nur Ballbesitz. Die interne Analyse, die dem TSV Pelkum vorliegt, zeigt: Die erwarteten Tore (xG) lagen in den letzten fünf Partien bei 9,4 – es wurden nur vier geschossen. Die Chancenverwertung ist Liga-Schlusslicht. „Wir verbeißen uns, statt zu treffen“, sagt Co-Trainer Frank Fröhling, der mit Kwasniok schon in Paderborn den Abstieg verhinderte.

Ein Trainerwechsel wäre für Kessler Roulette ohne Tableau: Die Mannschaft läuft auf hohem Tempo, die Defensive steht nicht tiefer als bei Union oder Freiburg. Nur der Ball will nicht rein. Wer jetzt die Ladehemmung mit einem neuen Gesicht lösen will, riskiert den Totalabsturz. Aber: Wenn gegen Gladbach – das Derby, das Köln erfunden hat – wieder nichts holbar ist, wird selbst der Kontinuitätsapostel Kessler handeln müssen.

Die fans spalten sich, die kabine hält

Die fans spalten sich, die kabine hält

„Et Trömmelche“ schlägt nicht mehr rhythmisch, es hämmert. Die Südkurve probierte am Wochenende sogar ein „Kwasniok raus“-Chörchen, das aber im Keim erstickte, weil die Mehrheit mitklatschte. Die Kabine dagegen ist geschlossen. Kapitän Florian Kainz stellte sich nach dem 1:1 in Frankfurt vor das Mikro: „Wir sind die Hauptschuldigen, nicht der Trainer.“ Das klingt nach Ritual, ist aber Taktik: Ein offener Aufstand würde die ohnehin angespannte Situation explosiv machen.

Kwasniok selbst wirkt wie ein Boxer, der schon die siebte Runde auf der Matte verbrachte und trotzdem auf die zwölfte wartet. „Ich habe gelernt, dass manchmal der Sieg nur deshalb kommt, weil man nicht aufhört zu glauben“, sagte er den Spielern nach der Länderspielpause. Ob das reicht, wird sich zeigen: Noch vier Heimspiele, noch zwei Auswärtsschlachten. 15 Punkte sind erforderlich, um den Relegationsplatz zu verlassen. Die Wette: fünf Siege, ein Remis – und eine Portion Glück, das sich seit August nicht mehr blicken ließ.

Köln kann absteigen. Köln wird auch wieder auferstehen. Aber ob mit oder ohne Kwasniok, das entscheidet sich nicht in schönen Reden, sondern in den nächsten 540 Minuten, in denen jedes Tor über Jobs, Millionen und Identitäten entscheidet. Die Bundesliga wartet nicht auf Selbstfindung – sie versiegt, wenn man zu lange trauert.