Recktenwald schlägt zurück: bronze nach tiefen, die niemand sah
Johanna Recktenwald presste die Daumen so fest ineinander, dass die Knöchel weiß blitzten. Dann kamen die Tränen – und mit ihnen die Erlösung. Bronze im Einzel, guide Emily Weiß an ihrer Seite, endlich eine Medaille. Die 24-Jährige aus dem Saarland hatte in Tesero nicht nur zwei Minuten Vorsprung auf die Verfolger sicher gestellt, sondern vier Jahre Selbstzweifel abgeschüttelt.
Peking war kein sprint, es war ein marathon in die dunkelheit
„Ich war immer so ein bisschen die Schlechteste und Dritte“, sagt sie leise, als hätte sie den Satz hundertmal im Kopf gedreht. Tatsächlich war er es. Nach den Spielen 2022 saß sie nachts wach, starrte auf die Startliste und fand ihren Namen weit unten. Linn Kazmaier holte Gold, Leonie Walter Silber – und Recktenwald? Fragezeichen. „Da musste ich viel wegstecken und aushalten“, erinnert sie sich. Die damalige 20-Jährige überlegte ernsthaft aufzuhören. Stattdessen meldete sie sich beim Bundestrainer mit einer einzigen Frage: „Was muss ich ändern?“ Antwort: Alles. Training um 5.30 Uhr, Herzraten bis an die 200, neue Schießtechnik, neue Brille, neues Mindset. Sie baute sich ein Excel-Sheet, in das sie jeden einzelnen Schritt eintrug – inklusive Toilettengänge, um Flüssigkeitshaushalt und Gewicht zu optimieren.
Die Zahlen sind brutal: 1.400 Stunden Rollski und Schießtraining seit Peking, 180 Testwettkämpfe, 47 Nächte im Sportheim. „Ich habe einfach die Zeit gebraucht“, sagt sie, und das klingt nicht wie eine Ausrede, sondern wie ein Kampfbericht. Letztes Jahr krönte sie der Para-Sport den Athletik-Award: Deutschlands Sportlerin mit Behinderung. Die Trophäe steht bei ihren Eltern zwischen zwei Pflanzen – sie selbst packte weiter an.

Die medaille, die keine farbe brauchte
Als Recktenwald mit Weiß die Zielgerade in Tesero entlangraste, schrie der deutsche Staffelchef lauter als der Lautsprecher. 12,4 Sekunden Vorsprung auf Rang vier. „Ich habe mal gesagt, eine Medaille ist mein Traum, egal welche Farbe“, erklärt sie. Die Bronze glüht an ihrem Hals wie ein Fels in der Brandung. Für Außenstehende ist es nur Podestplatz drei. Für sie ist es der Beweis, dass man sich aus dem Loch nicht nur herausgraben, sondern auch wieder hochrennen kann.
Die Tränen danach waren keine Zuckung der Erschöpfung, sondern ein Klick, laut wie ein Startknall. Recktenwald lacht jetzt wieder – und meint es ernst: „Nächstes Jahr will ich die Farbe wechseln.“ Die Konkurrenz sollte sich warm anziehen. Die Zeit danach ist vorbei.
