Ranocchia bricht sein schweigen: «ich habe inter abgelehnt, weil mich juve nichts angeht»

Andrea Ranocchia zieht Bilanz – und schlägt dabei einige Löcher in die Romantik-Socken der Nerazzurri. Der frühere Inter-Kapitän lebt zurückgezogen in Assisi, trainiert seinen Sohn und schaut nur noch mit gemischten Gefühlen auf die Liga. «Ich habe nicht aufgehört, Fußball zu lieben, aber ich brauche Distanz», sagt er im Gespräch mit der Gazzetta. «Die Hass-Wellen im Netz machen Kindern krank. Das ist kein Spiel mehr, das ist Seelen-Arbeit.»

Die nacht, in der spalletti ihn zum stürmer machte

Er erinnert sich an die 88. Minute gegen die Roma, Luciano Spalletti schreit: «Andrea, rauf!» Ranocchia, 1,95 m, wird zum Notnagel-Neuner. «Die Bälle flogen, ich köpfte, wir holten den Punkt. Lachend erzähle ich’s heute, damals war es pure Adrenaline-Therapie.» Der Trainer habe seine Unsicherheit zerstört – und ihm damit den Weg zum zweiten Leben geebnet.

Die harte Probe kam früher. Nach dem Absturz 2012/13 flog er nach Hull, „um dem italienischen Foul-Spiel zu entfliehen“. Als er zurückkehrte, wartete ein Fan am Trainingszaun mit der Axt: «Du bist unser Fehler!» Spalletti stellte sich schützend vor ihn. «Danach habe ich nicht mehr gejammert, sondern gelernt, dass Leadership leise sein kann», so Ranocchia.

Warum er juve ausschlug und icardi nie neidete

Warum er juve ausschlug und icardi nie neidete

2015 wollte Conte ihn nach Turin lotsen – Paarung mit Bonucci inklusive. Ranocchia lehnte ab. «Mein Herz schlug für Inter, nicht für die Sterne auf dem Trikot.» Als Kuriosum der Geschichte: Die Kapitänsbinde landete trotzdem nicht bei ihm, sondern bei Mauro Icardi. «Das Thema war mir egal. Ich hatte andere Kriege zu schlagen», sagt er trocken.

Heute coacht er Kinder im Ortsverein, spricht mit Eltern über Angst vor Leistungsdruck und schickt regelmäßig Sprachnachrichten an Cristian Chivu, seinen einstigen Mentor, der jetzt die Inter-Bank führt. «Er sagte schon 2011: ‚Wenn du zuhörst, wirst du mehr verdienen als mit Toren.‘ Ich hörte – und er behielt recht.»

Der größte Gewinn? «Der Pokal 2021. Nicht wegen des Metalls, sondern weil er die Wunden der Vorjahre schloss.» Ranocchia lehnt sich zurück, sein Kaffee wird kalt. «Ich brauche keine Bühnen mehr. Die wahre Liga spielt sich jetzt zu Hause ab – und die hat keine Nachspielzeit.»