Raketen statt tore: hertha siegt in dresden, aber das spiel wird zum nebenschauplatz
Die 2. Bundesliga liefert am 28. Spieltag ein Kapitel für die dunkle Seite des Fußballs. Hertha BSC gewinnt 1:0 bei Dynamo Dresden, doch die eigentliche Geschichte spielt sich abseits des Rasens ab. Raketen fliegen zwischen den Blöcken, Zuschauer jagen einander, die Polizei formiert sich auf dem Spielfeld – und das alles nach nur 19 Minuten.
Die eskalation beginnt mit einer fahne
Eine blau-weiße Hertha-Fahne im Dresdner Block reicht. Sekunden später knallen Böller, Bengalische Feuer züngeln, und aus dem Berliner Gästeblock schießen Fanatiker Raketen in die Heimtribüne. Dresden-Fans kontern, die Schrecksekunde ist perfekt. Schiedsrichter Sven Jablonski pfeift sofort ab, die Mannschaften verschwinden in der Kabine. Die Bilder erinnern an Hooligan-Klassiker der 90er, nur dass dies 2026 ist und live im Radio übertragen wird.
20 Minuten lang herrscht Kriegszustand im Rudolf-Harbig-Stadion. Polizisten in voller Montur stehen auf dem grünen Teppich, während sich hinter ihnen in gelben Regenmänteln verhüllte Dynamo-Anhänger Richtung Gästeblock bewegen. Als die Beamten eingreifen, flüchten die Vermummten, springen über Zäune, tauchen wieder im Heimblock auf – ein perverses Versteckspiel. Pyrotechnik brennt, eine Hertha-Fahne flammt auf, der Gestank von Schwarzpulver liegt in der Luft.

Der sport wird zur nebensache
Nach Wiederanpfiff versucht niemand mehr so zu tun, als könne man das Geschehen trennen. „Das hat mit Fußball nichts zu tun“, sagt Dresdens Sportchef Sören Gonther bei Sky und klingt dabei, als hätte er selten etwas so Offensichtliches gesagt. Die Partie ist fortan ein Nebenprodukt, die Zuschauer in den verbliebenen Familienblocks verharren in Schweigen. Die Spieler wirken wie Statisten in einer Inszenierung, die ihnen niemand erklärt hat.
Dennoch: Es geht um Aufstieg und Abstieg. Dresden drängt auf den Relegationsplatz, Hertha will nach dem Pokalfinaleinzug auch sportlich zurück in die Bundesliga. Josip Brekalo bringt die Berliner mit einer Trittattacke gegen Robert Wagner auf zwölf Mann, Vincent Vermeij vergibt einen Foulelfmeter für Dynamo. Die Moral-Geschichte schreibt sich wie von selbst: Tjark Ernst hält den schwachen Schuss, drei Minuten später lenkt Marten Winkler eine Flanke per Kopf so unhaltbar ab, dass Kevin Rossipal ins eigene Netz klärt. 1:0 – die Hertha siegt in Unterzahl.

Die tabelle lügt nicht, die bilder auch nicht
Stefan Leitls Team sammelt 13 Punkte aus den letzten fünf Spielen, der Rückstand auf die Aufstiegsränge schrumpft auf zwei Zähler. Die Zahlen wirken wie ein schlechter Witz angesichts der Bilder, die seit Samstagabend durch die sozialen Medien geistern. DFB und DFL müssen reagieren, das steht fest. Was genau, darüber schweigen sich die Verbände vorerst aus. Die Saison ist noch lang, doch für Dresden droht nach dem Punktverlust und dem Imageschaden der Absturz auf einen Abstiegsplatz. Die Ultras haben ihrem Klub nicht geholfen, sie haben ihn bloßgestellt.
Am Ende steht ein Sieger, der sich nicht richtig freuen darf, und ein Verlierer, der schon vor Anpfiff verloren hatte. Der Fußball gewinnt diesmal niemanden. Er verliert sein Gesicht – und das ist schlimmer als jede Niederlage.
