Putin feiert paralympics-comeback: gold unter russischer flagge spaltet italien
Die weiß-blau-rote Trikolore weht wieder über den Pisten von Cortina – und das nicht nur im Wind. Warwara Worontschichinas Gold im Super-G markiert den ersten Russland-Sieg unter eigener Flagge seit zwölf Jahren, löst aber keinen Sportjubel aus, sondern einen politischen Erdbebenrittter.
Die hymne, die niemand erträgt
Als die ersten Töne von „Russland heilige unsere starken …“ über die Zielgerade schallen, versteifen sich Gesichter. Die ukrainische Delegation verlässt demonstrativ die Tribüne, deutsche Athleten drehen sich weg, die ARD-Moderatorin verstummt für fünf Sekunden – live im Ersten. Kein Schnitt, keine Kommentierung, nur diese peitschende Stille, die lauter ist als jedes Pfeifkonzert. Worontschichina selbst presst die Faust ans Herz, doch als ein Reporter nach dem Krieg fragt, bricht sie das Interview ab: „Tut mir leid, ich bin hier zum Skifahren.“
Moskau reagiert binnen Minuten. Sportminister Degtyaryov postet ein Foto von sich und der Goldmedailleuse, dazu der Satz: „Unsere Fahne ist zurück – das war unser Ziel.“ Präsident Putin schickt ein Telegramm, in dem er stolz auf Athleten ist, „die unter unseren Farben die richtige Haltung zeigen“. Parallel meldet die ukrainische Armee neue Drohnenangriffe auf Charkiw. Der Kontrast könnte grausamer nicht sein.

Silber statt handschlag: kazmaiers revolte
Am Tag darauf die nächste Eskalationsstufe. Linn Kazmaier holt Silber im Langlauf, hinter der Russin Bagiian. Bei der Siegerehrung lässt die 26-jährige Bayerin die Mütze auf, dreht sich zur Seite, verweigert das Selfie. „Ich kenne diese Menschen nicht, vielleicht sind sie nett“, sagt sie später im ARD-Interview, „aber ihre Nationalhymne gerade jetzt zu hören, während meine Freunde in der Ukraine Sterben sehen, ist politisch nicht vertretbar.“ Ihre Worte gehen viral – innerhalb von zwei Stunden knackt das Video zwei Millionen Abrufe.
Der Deutsche Behindertensportverband rudert zurück: Man respektiere individuelle Protests, wolle sich aber auf Sport konzentrieren. Die Rechnung geht nicht auf. Denn nun meldet sich die ukrainische Seite mit Zahlen: 47 tote Zivilisten allein in der vergangenen Woche, darunter zwei ehemalige Paralympics-Kandidaten, die an der Front einberufen worden waren. „Ich habe hier um die Wette zu laufen, nicht um zu feiern“, sagt Oksana Schischkowa, die heulend vor laufender Kamera steht. „Mein Bruder liegt mit Amputation im Krankenhaus – und ich soll neben der russischen Flagge posieren?“

Ipc zwischen macht und moral
Das Internationale Paralympische Komitee verschanzt sich hinter Regularien: Man habe die Anti-Doping-Auflagen erfüllt, deshalb sei die Zulassung rechtens. Doch der Druck wächst. Norwegen und Polen fordern eine Sondersitzung, die Niederlande ziehen Sponsoren ab, und selbst Coca-Cola überlegt, ob die Logo-Präsenz an den Zielbögen reduziert wird. Insider berichten, IPC-Chef Andrew Parsons habe bereits drei Krisentelefonate mit dem IOC geführt – alle erfolglos.
Die nächsten Tage bringen weitere Podestchancen für russische Athleten. Jedes Mal droht ein politisches Neujahrsfeuerwerk. Die Athleten wissen: Wer hier gewinnt, gewinnt nicht nur Gold – er stellt sich auf die eine oder andere Seite eines Krieges, der mitten in Europa tobt. Und die Welt schaut zu, wie Sport zur Politikbühne wird, ohne dass jemand die Regie übernimmt.
