Puhe-drama, trainer-rochade, 4-punkte-hoffnung: sv biemenhorst kämpft am abgrund
Der SV Biemenhorst lebt – aber nur mit dem Handschlag des Dschungels. Nach dem 2:0 in Monheim schrumpft das Loch auf vier Zähler, doch der Topscorer will weg, der Coach ist neu und der Abteilungsleiter spricht das Totenglöcklein schon mal an.
Der sieg, der noch nicht rettet
72. Minute in Monheim: Dardan Pepa, 19, nagelt die Kugel ins Netz, zwei Jugendfreunde klicken sich die Hälse aus dem Schultergelenk, und auf der Bank schlägt Marc Gebler mit der flachen Hand so heftig auf die Plexiglaswand, dass die Kappe fliegt. Endlich wieder ein sauberer Auswärtssieg, endlich wieder ein sauberer Tag. „Die Jungs haben die Anweisung auf dem Platz verbrannt“, sagt Gebler, seit November Chef, seit 16 Jahren zwischen Schalke und Duisburg unterwegs, und man hört, dass er diesen Satz schon oft gedacht, aber selten laut gesagt hat.
Die Tabelle lügt nicht: 14. Platz, 21 Punkte, vier dahinter. Aber die Tabelle lügt auch, weil sie nicht erzählt, dass Biemenhorst zwölf Spiele in Folge sieglos war, dass sie fünf Mal in der Nachspielzeit kassierten, dass sie 17-mal den Pfosten trafen – eine Statistik, die selbst Excel müde macht. „Wir haben Spiele verloren, die wir auf Zetteln gewonnen hätten“, sagt Niclas Behrens, Abteilungsleiter, und seine Stimme klingt wie ein altes Mixtape: zwischen Optimismus und nüchternem Knall.

Trainerwechsel gegen dna
Beine raus, Beine rein. Daniel Beine musste gehen, Jürgen Stratmann flickte Not, Marc Gebler kam mit Powerpoint und Kopfballübungen. „Bei uns ist der Trainerwechsel keine Routine, sondern eine Amputation“, sagt Behrens. Man habe lieber das Tor geputzt als die Kabine gereinigt, aber irgendwang klappte die Sprachregelung nicht mehr. Geblers Rezept: kleine Räume, große Lautstärke, keine Ausreden. „Wir trainieren den entscheidenden Pass unter Vuvuzela-Beschallung. Wer trifft, darf das Gerät ausschalten.“
Die Neuzugänge passen ins Konzept. Jan Wellers, 130 Regionalliga-Einsätze, bringt Sechser-Seelenmassage mit, Jayden Houtriet headert so hart, dass der Ball sich selbst interviewt. „Wir stehen tiefer, kompakter, wir haben gelernt, dass Null auch eine Zahl ist“, sagt Gebler und lacht das Lachen eines Mannes, der weiß, dass Null am Ende mehr zählt als alle Tore der Welt.

Puhe will weg – und das ist kein vorwurf
17 Tore, 11 Vorlagen, ein Name, der durchs Torpfosten-Getrommel hallt: Luca Puhe. Der Angreifer, 23, hat beim FC Schalke 04 II probegekickt, doch die U23 ist ab 24 tabu. „Wenn der nächste Schritt geht, tragen wir ihm den Koffer“, sagt Gebler. Die Regionalliga schaut, Puhe schaut zurück, und zwischen den Blicken steht die Frage: reicht es für den Sprung? „Er bindet drei Gegner, bevor er den Ball bindet“, schwärmt Gebler, „aber wir sind nicht Luca Puhe 11.“ Pepa und Peerenboom, 18, sollen lernen, dass auch ihre Schultern Tore tragen können.

Infrastruktur statt drama
Abstieg? „Kein Weltuntergang“, sagt Behrens. „Wir waren selten oben, wir wollen nicht nur oben sein, wir wollen bleiben.“ Neue Tribüne, neuer Fitnessraum, Spielplatz, Kunstrasen-Gespräche mit der Stadt. „Die Tribüne ist schneller gewachsen als unsere Tabelle“, sagt Behrens und klingt stolz wie ein Vater, dessen Kind den ersten Kreuzerlauf schafft. Der SV Biemenhorst baut für eine Zukunft, die mit oder ohne Oberliga kommt.
Die Saison ist ein Kreuzverhör aus Hoffnung und Tabellenrealität. Vier Punkte, vier Gegner, die noch zittern werden. Gebler nimmt den Ball, wirft ihn ins Kreuzeck der kleinen Kabine und sagt: „Wir müssen lernen, dass 90 Minuten manchmal 95 sind und dass die Wahrheit hinten links im Tor steht.“ Die Wahrheit heißt: Biemenhorst kann noch fallen, aber es wird nicht leise fallen. Es wird mit Getöse fallen, mit Jugend, mit Tribüne, mit Puhe-Transfergerüchten und mit dem Wissen, dass der Abstieg nur eine Etage ist, nicht das Gebäude.
