Prandelli: zwölf jahre ohne wm – eine verlorene generation?

Die italienische Fußballnationalmannschaft sehnt sich nach dem Glanz vergangener Tage. Nach zwölf Jahren ohne WM-Teilnahme und dem enttäuschenden Aus 2014 in Brasilien spricht Ex-Trainer Cesare Prandelli Klartext: Die Chance ist vertan und die Zukunft düster.

Die verpassten gelegenheiten der jugend

Prandelli, der die bittere Niederlage gegen Uruguay miterlebte, äußert schwere Kritik am aktuellen System. Sein Neffe, ein elfjähriger Junge, der am Fernseher weinte, verkörpert die Enttäuschung einer ganzen Generation. "Ich konnte ihm wenig sagen. So wird es weitergehen, mit vielen weinenden Kindern", so Prandelli.

Der Schlüssel zur Problemlösung liegt, laut Prandelli, in der Förderung junger Talente. Bereits 2013 schlug er gemeinsam mit anderen eine radikale Reform vor: die Gründung einer U23-Nationalmannschaft, die in der dritten Liga (Serie C) spielt. Ziel war es, die Spieler nach dem Ende ihrer Zeit im U21-Bereich in einem wettbewerbsfähigen Umfeld zu halten und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich zu entwickeln. „Die Spieler verschwinden nach der U21 einfach. Sie sind noch nicht reif für die A-Nationalmannschaft“, erklärte Prandelli.

Politik und widerstand

Politik und widerstand

Die Idee, die auf dem Papier schien, stieß auf erhebliche Widerstände. Prandelli berichtet von einem ablehnenden Vorgehen der Verantwortlichen: „Man sagte mir, ein Trainer solle sich um den Trainerjob kümmern, als hätte ich mich in einen fremden Bereich vorgewagt.“ Auch der damalige Verbandspräsident Giancarlo Abete zeigte wenig Begeisterung. Stattdessen bevorzugte man die vermeintlich kostengünstigere Option, junge Spieler im Ausland zu verpflichten. Prandelli findet deutliche Worte: „Das ist nicht wahr!“

Selbst der aktuelle Verbandspräsident Gabriele Gravina zeigte Interesse, sah aber in den bestehenden Statuten ein Hindernis. Prandelli ist frustriert: „Man könnte den Statuten anpassen, es gibt Möglichkeiten. Die Viola Park-Infrastruktur der Fiorentina könnte genutzt werden.“

Mehr als nur ein trainer

Mehr als nur ein trainer

Prandelli betont die Bedeutung einer langfristigen Perspektive und eines starken, federführenden Trainers. Er erinnert an Legenden wie Maldini, Vicini und Bearzot, die durch ihre Persönlichkeit und Erfahrung eine Ära prägten. „Wir sprechen alle von großen Trainern, aber ohne Spieler können sie nichts erreichen. Das Risiko besteht, dass es auch in Zukunft so sein wird.“

Prandelli schlägt vor, dass Trainer wie Baldini, der für seine Menschlichkeit und seinen Wertschätzung von Talenten bekannt ist, in Zukunft eine größere Rolle spielen sollten. Er lobt zudem den ehemaligen Trainer Rino Gattuso, der trotz begrenzter Vorbereitungszeit versuchte, eine funktionierende Mannschaftsstruktur zu schaffen. „Armer Rino, er hatte kaum Zeit. Er versuchte, die Spieler kennenzulernen und eine Einheit zu bilden – eine großartige Leistung, aber er bekam nicht einmal zwei Trainingstage.“

Die zukunft des italienischen fußballs

Die zukunft des italienischen fußballs

Prandelli sieht dringenden Handlungsbedarf bei der Ausbildung junger Talente. Er kritisiert die derzeitigen Ausbildungsstandards und plädiert für eine Spezialisierung der Trainer: „Sie machen viele Kurse, aber die bringen nichts. Sie sollten sich auf wenige Bereiche konzentrieren und sich entscheiden, ob sie große Spieler trainieren oder sich der Jugendarbeit widmen wollen.“

Er fordert zudem eine Anpassung an die neuen Regeln im Fußball, die auf Geschwindigkeit und Verticalität setzen. „Wir sind es gewohnt, auf ein organisiertes Spiel zu setzen, aber die Trainer sind zufrieden, wenn sie genau das sehen, was sie geplant haben. Dabei verliert man Zeit. Wir müssen uns anpassen und den Spielern mehr Freiheit geben, um eigene Lösungen zu finden. Das Manko des italienischen Fußballs ist die fehlende Schnelligkeit – nicht nur auf dem Feld, sondern auch im Kopf.

Prandelli schließt mit einem bezeichnenden Kommentar: „Wie der Como FC agiert, ist beispielhaft – Freiheit und Unberechenbarkeit durch viele Optionen. Das fehlt uns.“