Iranerinnen kehren doch zurück: zwischen angst und erzwungener loyalität
Sie wollten ausbrechen, blieben aber doch. Zahra Ghanbari, Kapitänin der iranischen Fußball-Nationalmannschaft, zieht ihren Asylantrag in Australien zurück und fliegt nach Malaysia. Dort wartet bereits das nächste Flugzeug nach Teheran. Fünf Spielerinnen folgen ihr, zwei bleiben verschwunden.

Das spiel nach dem spiel
Die Zahlen sind gnadenlos: sieben Anträge, fünf Rückzieher. Die Asienmeisterschaft endete für Iran auf dem Platz im Januar, doch die wahre Niederlage kommt erst jetzt. Menschenrechtsgruppen sprechen von massiven Druck auf Angehörige, von konfiszierten Passporten und eingefrorenen Bankkonten. Die Staatsagentur Irna dagegen feiert Ghanbaris Kehrtwende als «Rückkehr in die Arme der Heimat». Wer glaubt, dass Sport Politik ausspielt, sollte sich die Satellitenbilder der letzten Tage ansehen: Busse voller Sicherheitskräfte vor Familienhäusern in Isfahan, Scherben auf dem Rasen von Klubs, die nie wieder rollen werden.
Die Geschichte beginnt am 30. Januar im AAMI Park von Melbourne. Iran gegen Südkorea, 0:3. Die Elf schweigt während der Hymne, starrt stattdessen in die Kamera. Für viele Iranerinnen ein Akt der Empörung, für das Regime ein Akt der Rebellion. Die Folge: WhatsApp-Chats voller Drohungen, Eltern, die plötzlich keine Anrufe mehr annehmen. Die Folge: ein halbes Dutzend Spielerinnen, die nach dem Ausscheiden nicht zum Flug nach Dubai erscheinen, sondern zu Anwälten in Sydney.
Doch der Preis für Freiheit ist höher als ein Ticket. Australische Behörden bestätigen, dass keine einzige der jungen Frauen bisher ein endgültiges Asyl erhalten hat. Das offizielle Verfahren kann Jahre dauern, und in diesen Jahren sitzen Bruder, Schwester, Mutter unter einem Damoklesschwert namens «Propaganda gegen das System». Die Entscheidung fällt deshalb nicht im Bundesamt, sondern im Familienwohnzimmer. Dort erzählt man sich, dass die Spielerin, die bleibt, nie mehr für die Nationalmannschaft aufläuft. Dort erzählt man sich, dass die, die zurückkommt, dafür ein ganzes Dorf schützt.
Was bleibt, ist ein Foto auf Instagram: Ghanbari in Trainingsdress, daumenhoch, daneben ein offizieller Vertreter des Iranischen Fußballverbands. Kein Lächeln, nur ein Satz: «Ich bin stolz, wieder zu Hause zu sein.» Die Kommentare sind deaktiviert, die Like-Zahlen manipuliert. Die Faszination des Sports? Ein leeres Versprechen. Die emotionalen Momente? Sie finden statt, aber hinter verschlossenen Türen, wo niemand sie zählen kann.
Die Tage werden zeigen, ob die beiden verbleibenden Rebellinnen durchkommen oder ob sie eines Tages ebenfalls «freiwillig» landen. Die Wette steht 5:2 – und die Quote wird täglich schlechter. Denn wer einmal die Hymne schweigend überstanden hat, weiß, dass das nächste Mal kein Schiedsrichter pfeift, sondern ein Ermittler klingelt. Das Spiel ist abgepfiffen, die Nachspielzeit beginnt erst jetzt.
