Blatter vor 90: reue? kein wort. infantino? ein diktator.

„Ich bereue nichts.“ Das sagt ein Mann, der einst vor laufenden Kameras von Spielgeld-Regen durchweht wurde – und der sich heute, kurz vor seinem 90. Geburtstag, noch immer mit aller Macht eine Ehrenrettung erkämpft. Sepp Blatter sitzt im Walliser Chalet, doch seine Gedanken kreisen um das Zürcher Kongresszentrum, wo er einst unantastbar thronte.

Jetzt ist Gianni Infantino der, der die Sonnenkönig-Pose einnimmt. Blatter spuckt das Wort „Diktator“ aus, als handele es sich um einen Fluch, nicht um eine Diagnose. Und doch: Wer die FIFA-Einnahmen von 0,9 Milliarden auf fünf Milliarden Dollar hochpumpt, der weiß, wie man sich Gnaden kaufen kann. Blatter weiß es. Er hat es erfunden.

Die razzia im baur au lac war nur der blitz vor dem donner

27. Mai 2015, 6 Uhr. Polizisten führen Funktionäre in Handschellen durch die Hintertür des Nobelhotels. Die US-Justiz spricht von Mafia-Strukturen, Blatter spricht von „ein paar schwarzen Schafen“. Innerhalb von 96 Stunden wird er sich dennoch zur Wiederwahl drücken lassen – und vier Tage später ankündigen, das Amt doch zu räumen. Die Bilder von damals sind in 4K gespeichert, doch Blatter streamt sie in seiner Erinnerung als Leinwand-Held: er, der Retter, der nie einen Cent angenommen habe.

Die Million an Michel Platini? Eine mündliche Zusatzvereinbarung, schwört er bis heute. Die Ethikkommission sperrte ihn, die Schweizer Justiz freisprach ihn. Sein Fazit: „Ein reines Gewissen.“ Dabei wissen das Bundesstrafgericht und die Öffentlichkeit: Rein ist nicht dasselbe wie sauber.

Geburtstag im enklave-modus – und ein letzter wunsch, der utopisch riecht

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90 Jahre, ein Herzinfarkt, ein Hüftgelenk aus Titan – und trotzdem kein Ruhestand. Blatter will zurück in den Saal, auf den Podest, wo Delegierte einst rhythmisch „Sepp! Sepp!“ skandierten. Er träumt von einer Ehrensalve, einem Applaus, der die eigene Vergangenheit in Wohlgefallen auflöst. Dabei ist die FIFA-Welt längst ohne ihn weiter gedreht: Weltmeisterschaften in Winterwüsten, Klubs statt Länder, 48 Teams, VAR, Milliarden-Deals mit Saudi-Arabien. Alles geschah nach seinem Prinzip: Geld gegen Stimmen. Nur schneller, lauter, digital.

Infantino hat gelernt, nicht zu schlafen, sondern zu liken. Blatter hingegen schläft – und erwacht mit dem Satz: „Ich war der Gute.“ Er wird ihn am Dienstag im Kreis von Tochter, Enkeln und ein paar treuen Weggefährten wiederholen. Kein FIFA-Kongress wird kommen. Keine Standing Ovations. Stattdessen ein Kuchen, Kerze Nummer 90 – und draußen der Schnee, der die Schuld weiß übermalt, nicht wegwischt.