Pogacar zertrümmert die weißen straßen und schreibt radgeschichte neu

80 Kilometer allein gegen Uhr, Wind und 19 Jahre altes Frischfleisch – Tadej Pogacar lässt Strade Bianche zur Privatvorstellung werden. Vier Siege, keiner so gnadenlos wie dieser.

Der slo-wendler schaltet auf vorstellung

Siena, 16:48 Uhr. Die rote Weltmeistertrikot-Fahne weht 61 Sekunden vor dem nächsten Menschen über die Piazza del Campo. Pogacar hat gerade 203 km mit 64 Schotterpflaster-Attacken hinter sich, doch er wirkt, als käme er vom Espresso. „Ich wollte ein Zeichen setzen“, sagt er, noch bevor er absteigt – und meint damit nicht nur den Rekord, den er sich nun allein teilt, sondern die Saisonvorbereitung der Konkurrenz, die er soeben in Scherben geschreddert hat.

Sein Angriff kommt früh, brutal präzise. Monte Sante Marie, km 123. Hinter ihm löst sich das Feld in Tränen auf. Paul Seixas, 19, das französische Next-Gen-Wunder, stemmt sich noch 300 Meter in das Rad, dann platzt die Seife. 80 km später küsst Pogacar erneut den Stein. Vier Mal hat er diese Strecke gewonnen – keiner vor ihm. Cancellara? Geschichte. Auch das.

Die Zahl, die alle sprachlos macht: 147 Tage seit seinem Solo in der Lombardei. So schnell vergisst der 27-Jährige nicht, wie man quält. Im Gegenteil, er baut die Tortur aus. UAE-Teamchef Joxean Fernández lässt die Jungs vorher kurz abreißen, „damit Tadej spürt, dass er noch Rad fährt“. Danach gibt’s keine Gnade mehr. Die Spitzengruppe wird wie ein Gummiband zurückgeholt, del Toro führt den Zug auf, Pogacar zündet die Rakete.

Warum das heute jeden radfan kalt lässt

Warum das heute jeden radfan kalt lässt

Weil es das erste Duell des Jahres einläutet. In 14 Tagen treffen Pogacar und Mathieu van der Poel in Mailand-Sanremo aufeinander – 298 km, keine Schotterpässe, aber jede Menge Nerven. Der Niederländer gewann 2025 die Primavera, doch der psychologische Vorteil liegt jetzt beim Slowenen. Wer nach 80-km-Solo noch lächeln kann, verspürt keine Angst vor der Via Roma.

Und weil ein 19-Jähriger auf dem Podest steht, der erst seine Schulzeit hinter sich hat. Seixas fuhr mit Kinderkraft auf, riss 25 Sekunden heraus, bevor die Maschine ihn schluckte. „Ich habe gelernt, wie weh tut, was Spitze bedeutet“, sagt er mit zitternder Stimme. Vielleicht lernt er es irgendwann selbst, diesen Schmerz zu lieben.

Pogacar jedenfalls liebt ihn sichtbar. Er wartet nicht auf Gegner, er erfindet sie. 2022 attackierte er hier an derselben Stelle, 2024 wieder, 2026 nun zum vierten Mal. Man kennt seine Vorliebe für Wiederholungen – nur die Konkurrenz fällt nie darauf herein.

Die Trophäe ist ein Ziegelstein, handbemalt, schwer genug, um Träume zu zerschmettern. Er hebt ihn wie einen Tennisball. Dann verschwindet er in der Masse, die Arena tobt, und der Gedanke bleibt: Wer so früh in der Saison schon solche Akzente setzt, der plant nicht nur den Frühling. Er schreibt das ganze Buch neu.