Pogacar startet seine saison mit einem solo in der weißen hölle

Der zweite Samstag im März gehört wieder den Kieselstürmen. Um 14:25 Uhr rollt das Feld in Siena los, und Tadej Pogacar wird seine UAE-Maschine auf die ersten 64,1 km Schotter der Saison schicken. Ziel: den vierten Strade-Bianche-Sieg und Fabian Cancellara aus den Rekordbüchern zu kicken.

Warum pogacar heute niemanden mehr überrascht

Die 20. Ausgabe des Toskana-Klassikers ist kein Geheimtipp mehr. Seit der Slowene 2022 und 2024 hier dem Feld per Fernsehbild davonrauschte, wissen alle, was kommt: ein Tempo, das bei 48 km/h auf den staubigen Anstiegen die Speichen glühen lässt. Paul Seixas hat sich im Winter auf seinem Ranch-Gelände in der Drôme eigene Schotterstrecken gepflastert, Tom Pidcock ließ sich vom Ineos-Bodenpersonal in Andorra eine 1:1-Kopie des Monte-Sante-Maria-Steilhangs gießen. Sie alle lesen dieselben Daten: Pogacar schaltet auf den letzten 12 km durch, wo die Herzfrequenz des Gegners normalerweise bereits im Roten steht.

Die Strecke ist ein Schnellkurs in Sachen Selbstzerfleischung. 201 km, elf sectors, maximal 18 % Steigung auf der Via Santa Caterina. Und dazwischen diese feine, weiße Marmorstaub-Kruste, die bei Trockenheit wie Talcum wirkt und bei Regen zur Seifenbahn mutiert. Wetterleute prophezeiten 17 °C und leichte Böen – perfekte Bedingungen für ein Solo, aber auch für Reifplatzer und Fahrfehler.

Die tv-übertragung wird zur dauerschleife

Die tv-übertragung wird zur dauerschleife

Eurosport 1 übernimmt ab 14:25 Uhr das Free-TV, HBO Max beginnt schon 30 Minuten früher mit der Vorberichterstattung. Karsten Migels bekommt Verstärkung von Robert Bengsch, der die sectors live in Kilometern vorausrechnet, und Jens Voigt, der jedes Mal „Shut up legs“ brüllt, wenn das Tempo 400 Watt übersteigt. Parallel liefert Eurosport.de einen Tickerspaß mit GPS-Signalen, wobei Pogacars Pulswerte alle 30 Sekunden aktualisiert werden – Daten, die früher nur das Team selbst sah.

Die Zuschauerzahlen dürften wieder in den einstelligen Millionenbereich klettern. Letztes Jahr knackte die Strade Bianche erstmals die 4,3 Mio. Marke in Deutschland allein – ein Wert, den man sonst nur von Bayern-Champions-League-Spielen kennt. Sponsoren buchten in dieser Woche zusätzliche Spots, weil die Pasta-und-Wein-Ästhetik der Landschaft perfekt zur Primetime passt.

Wer außer pogacar noch ein wörtchen mitredet

Isaac Del Toro gilt als Geheimwaffe innerhalb der UAE-Truppe. Der 22-jährige Mexikaner gewann Anfang Februar die O Gran Camiño und darf heute seine eigene Tempomacht testen. Sollte er in Führung liegen, müsste Pogacar nicht einmal angreifen – ein Luxusproblem, das bei anderen Teams nur in Fantasiegesprächen auftaucht.

Jumbo-Visma verzichtet auf Wout van Aert, der nach seiner Schulter-OP noch keine Schotterimpacts riskieren will. Dafür startet Matteo Jorgenson, der US-Außenseiter, der im Januar schon die Tour Down Under dominierte. Noch ein Name: Alberto Bettiol. Der Italiener kennt jede Kopfsteinfuge der Strecke, seit er hier mit dem Mountainbike zur Schule fuhr. Heute will er vor heimischem Publikum die Top-5 – ein Resultat, das er seit 2020 nicht mehr holte.

Und dann ist da Mathieu van der Poel, der diesmal zusieht. Der Niederländer ließ durchblicken, dass er wegen des intensiven CX-Winterprogramms und der bevorstehenden Frühjahrsklassiker in Benelux und Frankreich auf einen Start verzichtet. Die Begründung klingt nach Strategie, aber sie offenbart auch die neue Hierarchie: Wer gegen Pogacar auf Schotter gewinnen will, muss sich entweder monatelang darauf vorbereiten – oder komplett aussetzen.

Die wirtschaft hinter dem staub

Die Strade Bianche ist längst ein Milliardenrennen für die Region. Hotels in Siena verlangen dreistellige Zimmerpreise, Landwirte vermieten ihre Anwesen als VIP-Zonen, und die örtlichen Weingüter produzieren Extra-Editionen mit „Gravel Edition“-Etiketten. Der Veranstalter RCS zahlt insgesamt 45.000 Euro Prämie an den Sieger – ein Betrag, der bei Pogacar locker in einen Bonuspool für seine Helfer fließt. Die echten Einnahmen kommen aus dem TV: RCS verlangt pro Jahr rund 8 Mio. Euro Rechtegebühren, Tendenz steigend.

Für die Teams ist das Rennen ein Probelauf vor der klassischen Saison. Neue Schotterreifen werden getestet, 3D-gedruckte Kettenblätter aus Titan proben ihre Haltbarkeit, und die Mechaniker schrauben spezielle Kettenführungen fest, die bei 11-fach-Schaltungen das Herunterfallen der Kette minimieren. Kleine Details, die über Sieg und Niederlage entscheiden, wenn der Vorderreifen auf der Abfahrt zum Le Tolfe 70 km/h erreicht.

Die taktik ist ein offenes buch – und trotzdem spannend

Die ersten 100 km sind reine Demontage. Wer hier schon vorne fährt, verpulvert Energie. Die entscheidende Phase beginnt nach dem Feed-Zone-Bereich in Murlo, wo der Wind quer steht und die Gruppe sich auf 30 Fahrer reduziert. Danach folgt Monte Sante Marie, 11,5 km Schotter mit zwei Anstiegen über 12 %. Wer dort den Anschluss verlirt, sieht Pogacar nur noch als kleinen Punkt in der Staubwolke.

Der Finaleinsatz erfolgt auf dem Piazza del Campo. Der berühmte Rundplatz mit seinen Kopfsteinpflasterwellen gilt als natürlicher Wall, der Sprintfahrer aussiebt. Pogacar attackierte hier 2024 12 km vor dem Ziel und fuhr 35 Sekunden Vorsprung heraus. Heute rechnen Experten mit einem ähnlichen Zeitfenster – vorausgesetzt, das Wetter spielt mit und keine Panne stoppt den Slowenen.

Der Sieger erhält nicht nur den „Trofeo del Leocorno“, sondern auch 500 Weltcuppunkte. Für Pogacar wäre das der perfekte Start in eine Saison, die er mit dem dritten Tour-de-France-Gesamtsieg krönen will. Für alle anderen wäre es ein Déjà-vu mit bitterem Nachgeschmack: Sie wissen, dass der Gegner früh angreift – und können trotzdem nichts dagegen tun.

So erlebt man die weiße hölle live

Wer kein Ticket hat, steht auf den sectors. Die begehrtesten Flecken: die 5 km lange Passage in Asciano, wo die Fahrer direkt auf die Kamera zukommen, und die Abfahrt nach Castelnuovo Berardenga, wo die Geschwindigkeit trotz Schotter 80 km/h erreicht. Mit etwas Glück bekommt man ein Autogramm, wenn das Feld nach Rennende zur Cool-down-Runde zurückkommt – vorausgesetzt, man übersteht die Sturmflut an Fans.

Die Alternative ist der Stream. HBO Max bietet eine Multicam-Option, bei der man zwischen Helm- und Heckkamera einzelner Fahrer umschalten kann. Eurosport.de liefert parallel ein Data-Dashboard mit Windgeschwindigkeit, Steigungsprofil und Live-Kommentar der Leser – ein Feature, das in der Vorsaison so erfolgreich war, dass die Server kurzzeitig überlasteten.

Am Ende bleibt ein Fazit, das sich seit Jahren nicht ändert: Die Strade Bianche ist das schönste Rennen, das man mit geschlossenen Augen trotzdem noch erkennt – am Geräusch knirschender Kassetten und dem Geschmack von Staub im Wind. Pogacar wird wieder angreifen, die Konkurrenz wird wieder jagen, und die Zuschauer werden wieder jubeln. Nur die Farbe des Staubs bleibt gleich: weiß wie Marmor, hart wie Stein.