Pogacar schreibt geschichte: vierte strade-bianche-triumf löst hysterie aus
Die Toskana bebt. Tadej Pogacar prescht mit 78,5 Kilometern Solofahrt durch die Crete Senesi, brüllt sich an der Piazza del Campo die vierte Strade-Bianche-Krone ab – Rekord, Bilderbuch, Gänsehaut.
Siena verwandelt sich in ein bedrängtes bollwerk
Polizeisperren, Absperrgitter, Security-Kordon – nicht gegen Hooligans, sondern gegen Liebe. Die Fans wollen ihren Helden berühren, das Trikot, das Rad, die Aura. Hotels ausgebucht seit Monaten, die Gran-Fondo-Amateur-Rallye am Folgetag knackt mit 8.500 Startern ihre eigene Bestmarke. Ein Ort, der sonst Pilger für Brunelleschi und Chianti empfängt, dient jetzt nur noch einer Religion: Pogi.
Der Slowene selbst wirkt wie entmaterialisiert. Seit September 2024 wurde er nur einmal geschlagen – Rang vier in der WM-Einzelzeitfahren, danach: Sieg, Sieg, Sieg. Lombardei zum fünften Mal in Folge, WM-Straße, Drei Täler, jetzt die weißen Schotterpisten. Die Gegner gucken nicht mehr auf das Rad, sondern auf den Rücken des Nummer-eins-Weltmannes, der wie ein Navigationssystem mit 450 Watt Angriffslust durch die Landschaft pflügt.

Milano-sanremo wird zur letzten offenen rechnung
Sieben Tage später folgt die Classicissima. Fünf Starts, drei dritte Plätze, kein Sieg. Für jeden anderen ein Lebenswerk, für Pogacar eine Scharte. Mathieu van der Poel wartet bereits, frisch gezeichnet aus der Cyclocross-Dimension: achter Weltmeister, ungeschlagen, in Topform. 2025 setzte er Pogacar auf der Via Roma mit einer Sprintrakete in die Schranken. Nun droht ein Duell, das die Archive sprengt – zwei Giganten, ein Ziel: das Meer von Sanremo.
Die Spannung ist echt, weil sie ungelöst bleibt. Kein Computer kann die Seelenstärke des Niederländers simulieren, kein Algorithmus die Laktatmessung des Slowenen. Die Zuschauer buchen nicht wegen der Gewissheit, sondern wegen der Möglichkeit, Zeuge eines Moments zu werden, der später mit „Ich war dabei“ erzählt wird.
Die Uhr tickt. Samstag, 21. März, 298 Kilometer, der Poggio als Schicksalsberg. Wer denkt, Pogacar würde langweilen, kennt die DNA des Radsports nicht: Sieger werden verehrt, aber erst geadelt, wenn sie auch das letzte weiße Fleck auf der Landkarte einfärben. Er ist noch nicht dort. Und das macht die Jagd lebendig.
