Pogacar jagt die legende: milano-sanremo wird zum kampf der giganten

298 Kilometer, neun mehr als 2024, ein Start um 10.10 Uhr in Pavia und ein Wetter, das selbst die letzten Zweifler zum Zuschauen zwingt: Die 117. Milano-Sanremo wird zur reinen Wissenschaft der Anstrengung. Tadej Pogacar will endlich die Lücke im Palmarès schließen, Mathieu van der Poel träumt vom historischen Hattrick – und irgendwo dazwischen lauert Filippo Ganna, der einzige, der 2024 mit den beiden Monsterfahrern bis zur Via Roma mithalten konnte.

Warum heute jeder pedaltritt geschichte schreibt

Die Favoritenliste liest sich wie die Startliste eines All-Star-Games: Pogacar, van der Poel, Ganna. Dahinter Isaac Del Toro, Jasper Philipsen, Thomas Pidcock – Namen, die jedem Trainer Herzrasen bereiten. Doch hinter der Fassade aus Leistungsdaten und Siegesserien steckt eine Frage, die seit Wochen die italienischen Radsportforen spaltet: Schafft es Pogacar endlich, die „Classicissima“ zu bezwingen? Der slowenische Weltprimus fehlt ihm noch, die einzige Monument-Medaille, die seinem sonst lückenlosen Angriff auf die Ewigkeit fehlt.

Die Streckenplaner haben zugeschlagen: Statt 289 sind es nun 298 Kilometer, eine Extrarunde durch Rivanazzano und Salice Terme, bevor es ab Tortona in die klassische Bahn einmündet. Die Zielzeit liegt längst nicht mehr im Bereich des Zufalls: zwischen 16.37 und 17.14 Uhr wird jemand auf der Via Roma die Arme heben. Die Cipressa wartet mit 5,6 Kilometern bei 4,1 Prozent, der Poggio mit 3,7 Kilometern und 3,7 Prozent – kurz, aber so giftig, dass schon ein einziger falscher Gang reicht, um aus Favorit zu Verlierer zu werden.

Van der Poel kennt diese Stellen in- und auswendig. Er gewann 2023 und 2024, beide Male mit dem gleichen Biss, der gleichen kalten Rechnung: Warten, dann zustoßen. Pogacar hingegen muss angreifen, früher, härter, riskanter. Seine bisherigen Versuche endeten in Frustration, doch die Zahlen sprechen für ihn: 14 Siege in 19 Rennen dieser Saison, ein Schnitt, der selbst Eddy Merckx verblassen lässt.

Warum ganna der joker ist, den niemand verstecken kann

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Filippo Ganna trägt kein Weltmeister-Trikot, aber er trägt etwas, das in Sanremo fast wertvoller ist: die Erfahrung, zweimal Zweiter zu sein. 2020 und 2024. Beide Male fehlte die letzte Zentimeter-Entscheidung. Beide Male war van der Poel derjenige, der vorbeisauste. Ganna ist kein Sprinter im klassischen Sinn, aber auf 250 Watt über zehn Minuten unangreifbar. Wenn er vor dem Poggio weg ist, muss Pogacar reagieren – und genau das ist van der Poels Plan.

Die Wetterkarte zeigt 18 Grad, leichten Südwind, kaum Niederschlag. Perfekt für Attacker, perfekt für Langstrecken-Läufer, perfekt für ein Spektakel, das sich um 10.10 Uhr in Pavia entzündet und um 17.14 Uhr in Sanremo entweder eine Legende fortsetzt oder eine neue erschafft. Wer sich entscheidet, muss liefern. Wer zögert, ist draußen.

Die Uhr tickt. Die Straße ist gewetzt. Und irgendwo zwischen Casteggio und Voltri wird heute die Frage beantwortet, ob Pogacar endlich zur Vollendung findet – oder ob van der Poel den Beweis liefert, dass in der Neuzeit des Radsports doch noch Konstante herrscht. Die Antwort kommt auf 298 Kilometern, kein Meter wird geschenkt.