298 Kilometer pure nervosität: milano-sanremo jagt die nächste legende
Samstag, 10 Uhr Pavia, 16.30 Uhr Sanremo – in 6,5 Stunden wird sich zeigen, wer aus der 117. Milano-Sanremo als neuer Held der Via Roma rollt. 298 km, 2.100 Höhenmeter, sechs Küstenkappen und ein Poggio, der seit 1907 Karrieren beendet oder König macht.
Die Organisatoren halten am Start in Pavia fest, nur ein kleiner Schlenker führt die 190 Starter zunächst nordwärts vorbei an der Certosa zurück nach Mailand, bevor die klassische Trasse bei Voghera wieder aufgenommen wird. Dort beginnt das lange Warten auf den Brocken, der diesen Frühlingsträumen seinen Stempel aufdrückt: den Turchino-Pass bei Kilometer 149. 5,6 km lang, 2,9 % im Schnitt, kurze Spitzen bei 7 % – ein Vorgeschmack auf das, was folgt.

Die letzten 50 km sind ein einziger adrenalinstoß
Capo Mele, Capo Cervo, Capo Berta – die Ligurischen Kapellen folgen im Minutentakt, jede Anstiegsrampe frisst einen Zahnkranz mehr. Cipressa und Poggio sind die berüchtigten Schlusspartner: 21 km vor dem Ziel beginnt die Cipressa mit 5,6 km und Steigungen bis 9 %, neun Kilometer später folgt der Poggio. 3,7 km, 136 Höhenmeter, 30 Kurven, vier Haarnadeln – und dann eine Abfahrt, die schon Sprintern das Herz in die Hose rutschen lässt.
Die Abrechnung erfolgt auf dem 2,3 km langen Zielgeraden der Via Roma. Wer hier noch zittern muss, hat verloren. Die Zeiten, in denen ein Favorit allein über den Poggio davonfuhr, sind vorbei – heute entscheiden 300 m Vorsprung über die Kuppe. Die Statistik spricht klar: 52 der letzten 60 Sieger kamen aus einer kleinen Gruppe, die den Poggio zusammen rauf- und runterfuhr. Nur 2018 gelang Vincenzo Nibali der Solo-Knaller, 2021 setzte sich Jasper Stuyven zwei Kilometer vor dem Ziel ab.
Die Temperaturen sagen 14 °C voraus, der Wind bleibt auffällig ruhig – ein Geschenk für die Sprinterteams. Trotzdem: Wer 298 km in den Beinen hat, trägt keine Extra-Gewichte. Das Gewicht der Geschichte lastet schwer genug. Seit 1907 haben sich 76 verschiedene Sieger in das Goldbuch eingetragen, Eddy Merckx führt mit sieben Triumphen. Kein anderer Tag im März versammelt so viele Legenden an einem Ort.
Die Uhr tickt. Um 10 Uhr fällt der Startschuss, um 16.30 Uhr die Zielflagge. Dazwischen liegen sechs Stunden, die über Champions und Versager entscheiden – und über die Frage, wem der Mythos Milano-Sanremo diesmal verzeiht.
