Pogacar crasht, blutet – und sprintet trotzdem zum ersten sanremo-sieg

298 Kilometer, ein Asphaltkuss bei 60 km/h und ein Sprint, der bis zur Zielmatte zittert: Tadej Pogacar hat Mailand-Sanremo mit gebrochenem Helm und offenen Wunden gewonnen. Der Slowene schrieb die verrückteste Edition der „La Classicissima“ seit Jahren – und fehlte nur noch ein Zentimeter, um zu verlieren.

Sturz kurz vor der cipressa wirft alle pläne über den haufen

Kurveneingang 30 km vor dem Ziel. Reifen quietschten, Karbon splitterte. Pogacar, Wout van Aert und Biniam Girmay lagen plötzlich auf dem Deckel. Das UAE-Team hatte gerade die Tempoverschärfung eingeleitet, jetzt lag der Weltmeister im Graben, sein Triotrikot zerfetzt, die linke Hüfte blutend. „Ich dachte, es ist vorbei“, sagt er später – und schwingt sich trotzdem wieder aufs Rad. Die Jumbo-Visma-Maschine drückt vorne aufs Gas, das Feld spaltet sich. 20 Sekunden Rückstand. 25. Cipressa-Aufsatz. Pogacar keucht, aber er ist zurück.

Oben auf dem Hügel zieht er durch. Kein Gespräche, kein Handshake – nur Zahnräder und Willenspower. Thomas Pidcock klebt am Rad, Mathieu van der Poel hält drei Sekunden, dann platzt die Reihe. Flandrien-Sieger 2024? Vergessen. Van der Poel wird später Achter, mit Blick aufs Podest, das er einmal verteidigen wollte.

Pidcock lässt nichts mehr los – bis zur letzten pedalumdrehung

Pidcock lässt nichts mehr los – bis zur letzten pedalumdrehung

Abstieg Richtung Sanremo: zwei Manner, ein Titel. Pogacar fährt 60 km/h, Pidcock im Windschatten. 200 Meter. 150. Pidcock schaltet in den Großzahn, Pogacar antwortet aus der Vorposition. Die Kamera wackelt, die Zuschauer schreien – und im Foto-Finish zeigt die Chipzeituhr 0:00. Pogacar holt sich den Millimeter. „Tom ist verdammt schnell, ich musste früh öffnen und hatte Angst, ihn noch zu sehen“, sagt der Sieger und lacht gleichzeitig, als wäre ihm das Adrenalin noch in den Adern.

UAE-Teamchef Mauro Gianetti wischt sich Schweiß und Staub aus dem Gesicht: „Herz, Ego, Motivation – das war Radsport im Reinformat.“ Dritter wird Wout van Aert, der nach seinem eigenen Sturz noch aus dem Verfolgerfeld heransprintet und prompt sein Handgelenk tapst – Schmerzen adé, Podest trotzdem.

Elf monumente, nur eins fehlt noch

Elf monumente, nur eins fehlt noch

Die Statistik nagt an Pogacar wie ein Bergkette, die noch zu bezwingen ist: Flandern zweimal, Lüttich-Bastogne-Lüttich dreimal, Lombardei fünfmal – und jetzt Sanremo. Nur Paris-Roubaix fehlt im Satz. Am 12. April will er die fehlende Diamant in seiner Sammlung einsetzen. „Ich weiß, wie schwer die Pflasterstrecken sind, aber heute habe ich gelernt: Selbst wenn du auf dem Boden liegst, kannst du noch gewinnen“, sagt er und klappt das Interview ab, bevor der Arzt die nächste Wunde verbindet.

Georg Zimmermann und Maximilian Schachmann sehen das Ziel als Platz 25 und 26 – keine Schrammen, aber auch keine Geschichte. Hauptsache ankommen, heißt es im deutschen Lager. Die Story des Tages aber trägt slowenisches Blut und einen verrückten Sprinter, der aus dem Nichts siegt. Mailand-Sanremo 2025 ist gerade ein Rennen gewesen, das man in zehn Jahren noch so erzählt, als wäre es gestern gewesen.