Piszczek fliegt nach 77 tagen: tychy zieht die notbremse
Lukas Piszczek ist wieder da, wo er nach seiner Karriere am liebsten ist: außerhalb des Spielfelds. Nach gerade einmal 77 Tagen und acht Pflichtspielen als Cheftrainer von GKS Tychy ist der 40-Jährige bereits wieder Geschichte. Der polnische Zweitligist trennte sich am Freitag „im gegenseitigen Einvernehmen“ von der BVB-Legende – ein Einschnitt, der selbst in der volatilitybelasteten Coaching-Branche für Stirnrunzeln sorgt.
Der zeitplan war von anfang an eng
Bereits am 12. November hatte BILD exklusiv über Piszczeks ersten Profi-Job berichtet. Die Verpflichtung galt als kleiner Paukenschlag: ein Welt- und Champions-League-Fahrer, der in die Heimat zurückkehrt, um den traditionsreichen, aber seit Jahren stabil durchschnittlichen Klub wieder in die Ekstraklasa zu führen. Die Realität kam schneller als gedacht. Statistisch gesehen dauerte sein Intermezzo 1.848 Stunden – inklusive Winterpause. Die sportliche Bilanz: 2 Siege, 3 Remis, 3 Niederlagen, Tabellenplatz 13, nur zwei Zähler vor dem Abstiegsstrich. Die Tordifferenz: -3. Die Botschaft: kein Fundament, sondern ein Bruch.
Was hinter den Kulissen geschah, bleibt vorerst im Verborgenen. Offiziell heißt es, „das Wohlergehen des Clubs“ habe im Zentrum gestanden. Das klingt nach einem netten PR-Versteck für „Wir haben keine Lust mehr“. Dass auch Piszczeks gesamtes Trainerteam geht, unterstreicht die These von einem strategischen Neuanfang statt eines harmonischen Schusters. Die Trennung erfolgt mitten in der Vorbereitung auf die Rückrunde, ein Timing, das Planungsspielräume versiegt und den sportlichen Notstand offenlegt.

Rene poms übernimmt sofort
Keine 24 Stunden später präsentierte der Verein schon den Nachfolger: Rene Poms, 50, langjähriger Assistent von Nenad Bjelica. Das Duo arbeitete gemeinsam in Poznań, Wien, Zagreb und Spezia. Poms vertrat den Chefcoach sogar in einem Champions-League-Duell gegen Atlético Madrid – Erfahrung auf höchstem Niveau, die nun in die zweite polnische Liga umschlagt. Für Tychy geht es nicht um Glamour, sondern um Stabilität. Poms’ primäre Aufgabe: eine defensiv anfällige Mannschaft wieder auf Kurs bringen, ohne dabei das ohnehin magere Kreativreservoir zu ersticken.
Piszczeks Rückzug wirft auch ein Schlaglicht auf die Gefahren, die ehemalige Topspieler eingehen, wenn sie direkt vom TV-Studio oder der Kabine in den Coaching-Stuhl rutschen. Fehlende Erfahrung in der Amateurförderung, mangelnde Netzwerke im Scoutingsystem, ein Dressing Room, der Loyalität mit Reserviertheit verwechselt. Piszczek musste innerhalb von Wochen erkennen, dass Taktik-Clips und Motivationssprüche auf YouTube keine Punkte bringen, wenn die Defensivabstimmung bröckelt.
Die Frage bleibt: Was macht Piszczek nun? Die Trainerlizenz ist vorhanden, das Ansehen in Deutschland intakt. Ein Umweg über die Jugend- oder Co-Trainer-Rolle beim BVB wäre logisch, aber nicht zwingend. In Dortmund schätzt man seine Integrität, seine Schnittstelle zwischen Ost-Europa und der Bundesliga. Sportdirektor Sebastian Kehl könnte sich einen Scout oder Spezialberater mit Piszczek-Profil vorstellen. Oder er wagt den Sprung zu einem anderen Zweitligisten, der bereit ist, Geduld mitzubringen. 77 Tage reichen nicht, um ein Credo zu etablieren – aber sie reichen, um ein Signal zu setzen: Ein großer Name allein rettet keinen Club.
Für Tychy beginnt wieder Alltag, ohne Heldenkult, dafür mit einem Mann, der weiß, wie man Krisenstäbe führt. Für Piszczek gilt: Die zweite Halbzeit seiner Laufbahn läuft bereits, die Uhr aber hat gerade erst angefangen zu ticken.
