Pilates schlägt tenniskolle: so holen profis heimlich power aus reformer & tower
Milano – Wer jetzt noch mit Therabändern an der Bande steht, hat längst verloren. Im Aspria Harbour Club schwitzen die Racketschwinger auf Reformer-Betten und Tower-Geräten, um morgen auf dem Platz zwei Sätze früher zu entscheiden. Silvia Summo, Fitnesstrainerin des Klubs, hat einen Micro-Zirkel kreiert, der Core, Beine und Schlagarm in 18 Minuten auf Matchlevel bringt – ohne ein einziges Ballwechseltraining.
Der dreiklang: core, beine, schlagarm
Summos Programm beginnt auf dem Reformer: liegend, Füße in Haltegurten, das Becken hebt und senkt sich in schnellen Intervallen. Ziel ist nicht die Sixpack-Optik, sondern die Tiefenmuskulatur, die jeden Volley stabilisiert. „Wenn das Zentrum nicht mitmacht, fliegt selbst der teuerste Carbonrahmen mit dir durch die Luft“, sagt sie und lässt die Übungende acht Mal zittern.
Danach folgt die Beinsequenz. Aus dem Liegen heraus werden einbeinige Pressies gemacht – das vordere Bein streckt sich gegen federnden Widerstand, während das hintere nur wenige Zentimeter über dem Brett schwebt. Die Patellabewegung imitiert das Ausfallschritt-Muster des Padel, nur dass hier kein Partner nach dem Lob zieht, sondern die eigenen Hamstrings nach jeder Wiederholung brennen.
Den Abschluss bildet der Arm. Auf dem Tower wird ein leichter Medizinball durch zwei Pulleys ersetzt; der Sportler zieht diagonal über den Körper, als würde er eine Backhand-Return-Inside-Out spielen. Die Rotation kommt aus der Rippengegend, nicht aus der Schulter – genau das, was Orthopäden seit Jahren predigen und Clubspieler trotzdem ignorieren.

Warum das funktioniert, ohne dass der ball fliegt
Die Idee ist so simpel wie genial: Wer die Bewegungsbahnen einprägt, ohne auf Timing und Ballflug reagieren zu müssen, verdichtet die Neuromuskuläre Programme. Studien des italienischen Instituto di Medicina dello Sport belegen einen 12-prozentigen Kraftzuwachs im externen Rotationstraktus nach nur vier Wochen Zirkeltraining – gemessen an der Maximalkraft im isokinetischen Test. Kurz: Die Schlaggeschwindigkeit steigt, bevor der erste Aufschlag wieder sitzt.
Und das Beste: Die Geräte arbeiten mit federgesteuertem Widerstand, nicht mit Gewichtsscheiben. Die Exzentrikphase – also das Langsamwerden des Schlages nach dem Treffpunkt – wird automatisch abgebremst, ohne dass Gelenke knirschen. Das reduziert typische Tennisschäden wie Epicondylitis oder Patellaspitzen-Syndrom um fast ein Drittel, so eine Meta-Analyse der Mailänder Università Cattolica.
Von der boutique-methode zum standard
Vor fünf Jahren wäre das Training noch als Spaß für Schönwetterathleten belächelt worden. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: In den ersten drei Monaten dieses Jahres buchten 68 Prozent der Aspria-Mitglieder, die regelmäßig Tennis oder Padel spielen, mindestens eine Pilates-Einheit – gegenüber 24 Prozent im Vorjahr. Die Stunde ist zum festen Bestandteil der Leistungsdiagnostik geworden, genauso wie Laktattests oder Spielfilmanalysen.
Trainerin Summo hat mittlerweile ein zweites Studio eröffnet, exklusiv für Racketsportler. Wer dort trainiert, bekommt vor Saisonbeginn einen „Core-Score“ verpasst – eine Kennzahl, die angibt, wie viele Millisekunden sich die Rumpfrotation bei einem 100-km/h-Schlag verzögert. Je kleiner die Zahl, desto explosiver der Return. Profis wie Matteo Berrettini haben diesen Wert laut Klubangaben um 18 Prozent gesenkt – ein Seitenhieb, der im Tiebreak den Unterschied ausmacht.
Die nächste Stufe ist schon in Planung: ein mobiles Reformer-Modul, das direkt neben dem Court aufgebaut wird. Zwischen zwei Sätzen schnell zehn Wiederholungen – fertig. Ob das Regelwerk der ATP und WTA dies jemals erlauben wird, ist offen. Doch selbst wenn nicht: Die Spieler haben bereits begriffen, dass Kraft nicht mehr nur im Kraftraum entsteht, sondern auf schmalen Holzbrettchen mit Seilzügen und Atemkommandos. Und während die Konkurrenz noch mit Gummibändern hampelt, haben sie schon wieder zugelegt – im Core und auf dem Scoreboard.
