Pelkums paralympics-tag: wicker überrascht mit silber, marchand schreibt geschichte
Die Loipe in Tesero war kein Spaziergang, sondern ein 20-Kilometer-Krimi. Anja Wicker schickte sich an, genau das zu liefern: Mit Tempo statt Tränen rauschte die 34-Jährige auf Rang zwei und kochte sogar US-Superstar Oksana Masters ab.
Der lauf, der keiner werden sollte
„Unfassbar“, sagte Wicker, als die Zeitung auf ihre Brust klatschte. Drei Wochen zuvor noch von einer Erkältung gebremst, hatte sie ihre Startfreigabe erst am Vortag erhalten. Dann jagte sie durch Schneeregen, vorbei an Konkurrentinnen, die sich gegenseitig die Beine wegrissen, und stoppte die Uhr mit 1:13 Minuten Rückstand auf Gold. Für eine Athletin, die vor Jahren noch mit dem Gedanken an Aufhören spielte, war das Silber ein Spielzug gegen die eigene Biografie.
Hinter ihr reihten sich Namen, die normalerweise Podestplätze füllen: Masters blieb nur Bronze, Kononova verpasste die Medaillenränge. Wickers Schlüssel: ein niedriges Pulsband vom ersten Meter weg, kein Sprint, sondern ein Dauerfeuer. „Ich bin keine Powerfrau, ich bin eine Düse“, lachte sie im Ziel. Das Tempolimit galt für alle, nur sie hielt es durch.

Marchand zwischen kollaps und kompliment
Kathrin Marchand hingegen musste die zweite Hälfte ihrer italienischen Trilogie absolvieren. Nach dem 10-km-Ausfall wegen Kreislaufproblemen ging es für sie um Selbstbestätigung statt Edelmetall. Platz zehn, plus zehn Minuten – das klingt nach Abstand, ist aber ein Statement. Marchand ist die erste Deutsche, die Olympia, Sommer-Paralympics und Winter-Paralympics bestritt. Ihre Kritik an der Streckenführung („zu weich, zu warm“) blieb trotzdem hängen. Der DSV prüft, ob man künftig Kühleinheiten in die Ski einbaut.
Ein Detail zeigt, wie knapp SpitzenSport ist: Marchand verpasste Bronze um 17 Sekunden – auf 20 Kilometern. Ihre Kollegin Wicker holte Silber mit 1,3 Sekunden Vorsprung auf Bronze. Die Loipe verzieht keine Miene, sie verrät nur Zahlen.

Slalom im schneechaos
Während die Langläufer noch nach Luft rangen, kamen die Slalom-Herren ins Stolpern. Nachtschnee ließ Cortina die Piste glasig erstarren, Start um neun Uhr? Fehlanzeige. Alexander Rauen startete trotzdem mit Guide Jeremias Wilke, rutschte auf Rang neun ab und beschrieb die Bedingungen als „extrem schwierig“. Für Christoph Glötzner, der nach seinem Sturz im Riesenslalom hier Revanche nehmen wollte, blieb Rang neun ein Zwischenstand, Medaillen sind 2,06 Sekunden entfernt – eine Ewigkeit im Slalom. Leon Gensert liegt 14 Sekunden zurück, fast eine halbe Lifffahrt.
Die Entscheidungen fallen ab 13.30 Uhr im zweiten Lauf. Wer Pech hatte, kann Glück nachschieben – vorausgesetzt, der Schnee lässt es zu. Die Wettermänner sagen: leichter Schneefall bis Nachmittag. Für die deutschen Skis keine Entschuldigung, aber ein zusätzlicher Gegner.

Ein eigentor als sinnbild
Zum Abschluss des gestrigen Spieltags lieferten sich die deutschen Sled Dogs ein 2:5 gegen Italien. Kurioses Highlight: ein Eigentor, das sich Italien selbst schoss, weil Keeper Stillitano zum Strafbank-Wechsel abzog, Antochi aber den Rückpass zu scharf spielte. Der Puck rollte ins leere Tor – ein Slapstick-Moment, der das ganze Turnier der Deutschen spiegelt: nah dran, aber am Ende mit leeren Händen. Platz sechs statt fünf, das Minimalziel verpasst. Die Truppe schläft heute aus, die Plätze sind gebucht, die Saison ist vorbei.
Die Paralympics in Zahlen: 39 Medaillen sind bereits verteilt, drei gehen nach Deutschland. Wickers Silber ist die bisher größte Überraschung. Der Countdown läuft noch bis Sonntag, aber für viele Athleten endet in diesen Stunden schon die persönliche Endrunde. Wer heute in Cortina oder Tesero an den Start geht, jagt nicht nur Zeit oder Punkte – er jagt die letzte Chance, sich selbst zu übertreffen, bewintern die Loipe und die Piste sich in weiße Vergessenheit verabschieden.
