Partizan-legende dule vujosevic stirbt mit 68: der mann, der balkan-basketball erfand
Ein Kapitel europäischer Basketballgeschichte schließt sich. Dusko „Dule“ Vujosevic ist tot. Mit nur 68 Jahren starb der Montenegriner am Montag in Belgrad, nachdem er jahrelang gegen eine schwere Krankheit angekämpft hatte. Für viele ein Trainer, für einige ein Vater, für den jugoslawischen Basketball der Architekt eines Imperiums.
Seine zahlen sind nur die halbwahrheit
Fünfmal jugoslawischer Meister, sechsmal serbischer Champion, drei Pokalsiege, ein Korac-Cup. Die Trophäensammlung liest sich wie ein Museumskatalog, doch wer Vujosevic nur über Titel definiert, versteht nicht, warum ganze Generationen für ihn durchs Feuer gingen. Er begann mit 17 Jahren als Jugendtrainer beiPartizan Belgrad und blieb dem Klub treu wie einem Lebensprinzip. Zwischen 1986 und 2015 durchlief sein System – hart, laut, literarisch – nahezu jeden wichtigen Spieler des Balkans.
Die Liste seiner Zöglinge liest sich wie ein Who-is-Who des internationalen Basketballs: Vlade Divac, der spätere NBA-Allstar, schwärmte davon, wie Vujosevic ihm Dostojewski in die Hand drückte, bevor er ihm den Pick-and-Roll erklärte. Sasha Djordjevic verdankt ihm den Blick fürs Detail, Predrag Danilovic die Nervenstärke in letzten Sekunden. Auch Nikola Pekovic, Milenko Tepic oder Kosta Perovic wurden unter seiner Fuchtel aus Rohdiamanten zu Euroleague-Helden.

Italien war sein exil und seine bühne
Zwischen 1992 und 1998 tourte er durch die Seria A: Brescia, Pistoia, Pesaro. Die Liga lernte einen Mann kennen, der nach Niederlagen mit Spielern bis Mitternacht Filme schnitt und am nächsten Morgen um sechs Uhr mit Kant-Zitaten weckte. Er sprach fließend Italienisch, zitierte Pasolini, wurde trotzdem nie soft. „Wenn du nicht bereit bist, dich zu verletzen, bist du nicht bereit, zu gewinnen“, sagte er einmal in ein Mikrofon, das er vergessen hatte, dass es noch lief. Der Satz ging durchs Land wie ein Virus.
Danach führte ihn seine Reise noch nach Moskau (CSKA), Limoges, Granada, Cluj – doch immer zog es ihn nach Hause. Roter Stern, Buducnost, Radnicki – er baute auf, stritt sich, siegte, verschwand. Auch die Nationalteams von Serbien, Montenegro und Bosnien nutzten sein Gehirn. Doch Partizan blieb sein Herzstück. In der Pionir-Halle wurde er zum Mythos: 19 Pflichtspiel-Saisons, 487 Euroleague-Spiele, ein Sieg gegen alles, was Rang und Namen hatte – ob mit haushaltenem Budget oder mit Teenagern auf dem Parkett.

Bücher statt playbooks
Was ihn unverwechselbar machte, war die Verbindung von Drill und Dichtung. Nach jedem Training verteilte er Romane, Gedichtbände, Essays. „Wer den Ball liest, muss auch lesen lernen“, pflegte er zu sagen. Spieler berichten, wie er ihnen Danilo Kis empfahl, um den Pass zu verstehen, oder Ivo Andric, um die eigene Geduld zu ertragen. Seine Kabinenreden wurden legendär, teils ins Französische übersetzt, teils ins Russische zitiert. Ein Philosoph im Trainingsanzug – mit einem Blick, der kälter war als belgradischer Januarwind.
Politisch engagierte er sich früh gegen Nationalismus, spendete Gagen an Flüchtlingskinder, kritisierte Korruption in der Basketball-Föderation – und wurde dafür versetzt, suspendiert, rehabilitiert. Er ließ sich nicht bändigen. Als ihn die Euroleague 2014 wegen Regelverstoßes sperrte, schrieb er einen Offenen Brief, in dem er die Organisation als „bürokratisches Monster“ bezeichnete. Die Strafe wurde erhöht, die Stimme blieb laut.
Die nachricht traf die community wie ein erlöser-foul
Am frühen Montagmorgen ging die Meldung durch WhatsApp-Gruppen, Twitter-Timelines und Vereinsforen. Divac postete ein Foto aus den 80ern, Djordjevic ein schwarzes Quadrat. Die Euroleague unterbrach den Spieltag mit einer Schweigeminute, die ABA Liga erklärte, dass in allen Arenen seine Lieblingsmusik – Sympathy for the Devil der Rolling Stones – erklingen wird. Die Tribute sprachen dieselbe Sprache: Ohne Dule kein moderner Balkan-Basketball.
Was bleibt, ist ein System, das mittlerweile in jeder serbischen Sporthochschule gelehrt wird. Ein Nachwuchs, der seine Drills noch immer murmelt, wenn die Knie brennen. Und eine Lücke, die keiner so schnell füllt. Denn wer einmal für Vujosevic gespielt hat, weiß: Perfektion ist kein Zustand, sondern ein Prozess, der mit dem letzten Atemzug endet. Sein letzter war am 8. April in Belgrad. Der Nachhall wird Jahre dauern.
