Paralympics-samstag: forsters drama, rothfuss' abschied und silber für deutschland
Anna-Lena Forster schluchzt, Andrea Rothfuss lacht über sich selbst und die Langläufer schleppen sich 5,4 Sekunden hinter China ins Ziel. Der achte Wettkampftag in Mailand/Cortina spuckt keine halben Geschichten aus.
Forsters albtraum im slalom
8/100 Sekunden. So wenig fehlten der Monoskifahrerin, um Bronze zu holen. Statt des erhofften Triple-Golds kassiert sie Rang vier, bricht im Ziel zusammen. „Brutal bitter, tut sehr weh“, sagt sie und lässt ihre Zukunft offen. Die 30-Jährige weiß noch nicht, ob sie überhaupt weitermacht.
Die Szene ist ein Déjà-vu für alle, die die Paralympics länger verfolgen: Favoritinnen, die im Slalom scheitern. Denn die Piste in Cortina ist vereist, die Tore stehen eng, und die Nerven liegen blank. Forster war in dieser Saison dominant, aber hier rächte sich eine kleine Unsicherheit in der Mittelpassage. Das Publikum verstummt, die deutsche Delegation schluckt.

Rothfuss verabschiedet sich mit einem lächeln
Andrea Rothfuss dagegen nimft den siebten Platz wie ein Geschenk. „Ich bin vier Rennen gefahren statt zwei – das ist ein kompletter Erfolg“, sagt die 36-Jährige, die seit Turin 2006 dabei ist. 14 Medaillen, sechsmal Olympia, ein Leben in der Schusslinie. Sie tritt ab, aber nicht mit Tränen, sondern mit dem Satz: „Ich fühle mich wie in einem Traum.“
Ihre Karriere ist ein Lehrbuch für Nachhaltigkeit im Behindertensport. Keine Saison ohne Verletzung, keine Olympia ohne Prothese-Modifikation, keine Medaille ohne Zweifel. Dennoch: Rothfuss liefert sich bis zuletzt Duelle mit Athletinnen, die 15 Jahre jünger sind. Ihr Abschied ist keine Flucht, sondern eine Demonstration: Man kann auf höchstem Niveau altern, wenn man bereit ist, sich neu zu erfinden.

Langlauf-silber dank staffel-teamgeist
Während die Ski-Asen also erzählen, holen Theo Bold, Sebastian Marburger, Linn Kazmaier und Marco Maier im offenen 4-x-2,5-km-Rennen Silber. 5,4 Sekunden Rückstand auf China klingen nach einer Ewigkeit, sind im Para-Langlauf aber ein Wimpernschlag. Das Quartett kurbelt die letzte Runde auf 92 % der maximalen Herzfrequenz – Daten, die der Bundestrainer live abliest.
Kurz zuvor verpasste das Mixed-Team mit Nico Messinger und Co. Bronze um 13,9 Sekunden. Enttäuschung pur. „Wir haben uns die Medaille erhofft“, sagt Messinger. Die Statistik zeigt, dass Deutschland in Staffelbewerben seit 2018 nur ein einziges Mal Podestplätze geholt hat. Die Konkurrenz aus USA, Ukraine und China ist in der Laktattoleranz einfach eine Nasenlänge voraus.

Rollstuhlcurling-finale und eishockey-zwischenspurt
Am Nachmittag steigt das Finale im Rollstuhlcurling: China gegen Kanada. Die Asiaten jagen den dritten Gold-Triumph in Folge, die Kanadier wollen nach 16 Jahren zurück auf den Thron. Parallel kämpft Deutschlands Para-Eishockey-Team um Platz fünf gegen Gastgeber Italien. Nach dem Krimi gegen die Slowakei ist die Stimmung im Camp erhöht, doch die Italiener gewannen das Vorrundenmatch knapp. Ein Sieg wäre das beste Resultat seit 2018.
Die deutsche Delegation blickt auf 13 Medaillen – zwei mehr als bei den Spielen vor vier Jahren. Das Nationenranking ist eng: Kanada führt mit 19 Medaillen, dahinter trennen nur drei Edelmetalle Platz zwei und sechs. Jede Zielgerade, jeder Steher, jeder Torabschluss kann also die Reihenfolge kippen.
Heute Abend trägt Andrea Rothfuss die Fahne bei der Schlussfeier in Cortina. Es wird die letzte Bewegung einer Epoche sein. Danach beginnt für den deutschen Sport ein Neuanfang ohne seine dienstälteste Paralympics-Athletin. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 20 Jahre, 14 Medaillen, eine Rekordbeteiligung. Wer dieses Vakuum füllt, entscheidet sich in den nächsten vier Jahren. Der Countdown läuft.
