Palladino baut vor bayern-rückspiel kleine brötchen: „ein hoher berg, aber wir wollen zeigen, dass 1:6 zu viel war“

Klaus Schäfer in München – Eine Woche nach der 1:6-Klatsche gegen den FC Bayern schickt Atalanta-Coach Raffaele Palladino seine Mannschaft auf Selbstfindung in die Allianz Arena. „Es ist ein hoher Berg, den wir erklimmen müssen“, sagt der 41-Jährige, und man hört, dass er nicht an Wunder glaubt, aber an Würde. Kein Trainer redet gern über eine Niederlage im Voraus – Palladino tut es trotzdem, weil er die Wahrheit nicht schönreden will.

Sportings 4:3 gegen bodö/glimt war kein mutmacher, sondern ein alarm

Der italienische Fußball schaute am Dienstag nach Lissabon und sah, wie Sporting nach einem 0:3 noch gewann. Die Nachricht landete in Bergamo, aber nicht im Prospekt der Hoffnung. Denn während Sporting zu Hause war, muss Atalanta in München ran. Während Sporting Bodö/Glimt bekam, bekommt Atalanta Bayern München. Und während Sporting 0:3 hinten lag, lag Atalanta 1:6. Die Differenz ist nicht nur in Toren messbar.

Palladino spricht von „Wut und Ärger“, die seine Spieler mit auf den Flug nehmen sollen. Isak Hien, der schwedische Innenverteidiger, nennt es „große Motivation, sich ordentlich zu verabschieden“. Beide wissen: Es geht nicht mehr um das Viertelfinale, sondern um das Echo, das Atalanta in Europa hinterlässt. Letztes italienisches Team in der Königsklasse – das klingt nach Titel, ist aber nur eine Randnotiz, wenn das Spiel in München erneut entgleist.

„Wir haben nichts zu verlieren, aber alles zu beweisen“

„Wir haben nichts zu verlieren, aber alles zu beweisen“

Diese Formel passt wie ein Handtuch, das man sich über den Kopf legt, bevor man in den Sturm läuft. Palladino will kein zweites 1:6, er will ein Gesicht, das man sich merkt. Deshalb rotiert er. Ederson, nach Adduktorenproblemen sechs Spiele abwesend, steht vor der Startelf-Kehrtwende. Charles de Ketelaere, frisch vom Meniskus-Comeback, könnte von Beginn an laufen. Giacomo Raspadori, nur fünf Mal für Atalanta aufgelaufen, trainierte erstmals wieder ohne Schmerzen. Drei Rückkehrer, drei Hoffnungsträger, die vor allem eins sollen: Spielpraxis vor dem Saisonendspurt in der Serie A.

Dort wartet der Kampf um die internationalen Plätze, dort zählt jedes Bein, das noch heil ist. Atalanta hat in den letzten zwölf Pflichtspielen nur zweimal gewonnen – die Belastungskurve zeigt nach unten. Palladino spricht deshalb von „vorsichtiger Minutenerhöhung“, ein Trainer, der schon denkt, was passiert, wenn München erneut nachlegt.

Bayern will seriosität, atalanta will ein abschieds-foto ohne blut

Bayern will seriosität, atalanta will ein abschieds-foto ohne blut

Vincent Kompany lachte am Dienstag, dass er „schon fast beim Finale gegen Leverkusen“ sei, wenn er an Atalanta denke. Der Bayern-Coach scherzt, weil er kann. Seine Elf hat seit dem 6:1 zwei weitere Siege geholt, ohne dass die Maschine raucht. Gegen Mainz und Freiburg drehte der Rekordmeister auf, als wäre nichts gewesen. 75.000 Zuschauer erwarten keine Schonung, sie erwarten Ausbau. Die Quoten für ein erneutes Torfestival liegen bei 2,75 – das sagt alles über die Erwartungshaltung.

Palladino wird nicht vom Quotenbrecher träumen, sondern davon, dass seine Mannschaft nach 90 Minuten den Kopf heben kann. „Wir wollen zeigen, dass die sechs Gegentore zu viel waren“, sagt er und klingt dabei wie ein Lehrer, der seinen Schülern beibringt, dass man auch nach der schlechtesten Klassenarbeit noch sitzen bleiben kann – wenn man sich richtig verhält.

Der Abflug nach München ist für Mittwochnachmittag geplant, das Rückspiel für 21 Uhr. Atalanta wird nicht weiterkommen, aber vielleicht zurückkommen – mit einem Resultat, das die 1:6-Pleite etwas relativiert. In der Champions League zählen am Ende nicht nur die Tore, sondern auch die Geschichten, die man erzählt. Palladino will eine davon schreiben, die man sich in Bergamo nicht schämt zu lesen.