Palladino schickt atalanta in die mission impossible: „wir haben nichts zu verlieren, nur stolz zu gewinnen“
Raffaele Palladino sprach leise, fast wie ein Mann, der sich selbst ein Bein stellt. „Es ist ein hoher Berg, den wir erklimmen müssen“, sagte er am Dienstag in Bergamo – und meinte damit den 1:6-Rückstand gegen den FC Bayern. Ein Ergebnis, das selbst in der verrückten Champions-League-Nacht von Sporting Lissabon kein Happy End mehr erlaubt. Denn während die Portugiesen daheim noch jubeln durften, muss Atalanta in München antreten. Vor 75.000 Zuschauern. Gegen einen Gegner, der keine Lust auf Schönwetter-Fußball hat.
Die wunde ist noch offen – und der terminkalender gnadenlos
Palladino weiß, dass seine Spieler die Gegentore im Ohr haben wie einen ohrenbetäubenden Alarm. Drei Tage nach dem Debakel ging’s für Atalanta schon wieder in der Serie A ran – 0:0 gegen Inter, Platz vier ist Pflicht, wenn die Europa-League-Tür nicht zufallen soll. Genau deshalb wird er Ederson, de Ketelaere und Raspadori wohl von Anfang an auflaufen lassen. Das Trio war monatelang verletzt, nun soll es die Saison retten – und zugleich ein Lehrstück werden. „Wir werden ihre Minuten vorsichtig erhöhen“, sagt Palladino, der sich selbst in die Nesseln setzt: Spielt er sie zu lange, droht der nächste Muskelriss. Spielt er sie zu kurz, fehlt die Durchschlagskraft.
Die Bayern-Seite hat unterdessen schon wieder den Blick nach vorne gerichtet. Vincent Kompany scherzte auf der Pressekonferenz, er würde „schon fast beim Finale gegen Leverkusen“ sein – ein Satz, der in Bergamo wie Hohn klingt. Denn wer in der Allianz Arena die Runde der letzten Acht erreicht, spart sich zusätzliche Belastung. Atalanta hingegen müsste nach einem Aus auch die Europa-League-Quali noch sichern, sonst droht das internationale Aus.

Stolz statt sieg – die neue taktik
Palladino redet nicht mehr vom Weiterkommen. Stattdessen setzt er auf „Wut und Ärger“. Isak Hien formulierte es so: „Wir wollen zeigen, dass das 1:6 eine Entgleisung war.“ Das klingt nach Selbsttherapie, ist aber die einzige Rhetorik, die übrig bleibt, wenn die Tordifferenz fünf beträgt. Die Zahlen sind gnadenlos: In der CL-Geschichte kehrten nur zwei Teams einen Fünf-Tore-Rückstand – und keines musste dafür nach München.
Dennoch: Die Atalanta-Fans werden ihre Mannschaft empfangen, als ginge es ums Finale. Sie haben sich daran gewöhnt, dass ihr Klub Überraschungen liefert. 2019 schmiss Bayer 04 raus, 2020 zog man ins Viertelfinale ein. Aber damals gab es kein 1:6 im Gepäck. Palladino weiß, dass die Rechnung heute lautet: Entweder ihr schreibt Geschichte – oder ihr verschwindet leise.
Um 21 Uhr ertönt die Hymne. Dann wird sich zeigen, ob Bergamo tatsächlich nur noch um die Ehre spielt – oder doch um das kleine, verrückte Funken Hoffnung, das in der Champions League nie ganz erlischt. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, die Motivation riesig. Und manchmal reicht das, um eine Nacht unvergesslich zu machen.
