O'neill schickt italiens favoritenrolle zurück: „der druck sitzt bei den azzurri“

Michael O'Neill lacht nicht, er lacht heraus. „Wir haben nichts zu verlieren, sie schon“, sagt der Nordirland-Coach, und schon vor dem Anpfiff wirft er die Last der Erwartungen wie einen nassen Mantel über die Schultern Italiens. Halbfinale der Play-offs, ein Spiel, ein Tor, ein Traum – und ein Psychokrieg, den O'Neill mit offenem Visier führt.

Kein del piero, kein totti – und das ist der plan

Die Squadra Azzurra kommt ohne Galaktische daher, dafür mit einem Kollektiv, das in der Qualifikation schon gegen Nordmazedonien stolperte. O'Neill kennt die Zahlen, er kennt die Namen, er kennt vor allem die Schwächen. „Diese Italia ist stark im Zentrum, aber sie hat keinen Spieler, der uns allein aus dem Stadion schießt“, sagt er und zielt damit auf die Abwesenheit von Figuren wie Del Piero oder Totti, die früher schon in der Aufwärmung Angst einflößten. Stattdessen sieht er Laufbereitschaft, Pressing, aber eben auch 21-Jährige, die in der englischen League Two stürmen und einem Torhüter, der erst zehn Länderspiele auf dem Buckel hat. Für O'Neill ein Geschenk.

Die Taktik ist so alt wie der Fußball selbst: erst dichtmachen, dann zuschlagen. 30 Prozent Ballbesitz reichten in der Vergangenheit, um Deutschland und die Slowakei zu schlagen. „Jugend bringt Leichtigkeit“, sagt O'Neill, der mit einer Startelf plant, deren Durchschnittsalter 23 Jahre beträgt. Die jungen Beine sollen die italienischen Ballverteiler jagen, die Köpfe sollen frei bleiben. „Je länger es 0:0 steht, desto schwerer wird es für Italien“, sagt er und klingt dabei wie ein Pokerspieler, der weiß, dass der Gegner die besseren Karten, aber das schwächere Nervenkostüm hat.

Die uhr tickt für mancini – und für das land

Die uhr tickt für mancini – und für das land

Roberto Mancini hat seit dem verpassten Weltcup-Ticket jeden Tag ein offenes Ohr für die Kritik der Gazzetta, für die Rufe nach Rückkehr der alten Garde. Gegen Nordirland droht ihm nun das gleiche Schicksal wie gegen Nordmazedonien: ein frühes Tor, ein spätes Desaster. Die italienische Presse spart nicht mit Schlagzeilen wie „L’appuntamento con la storia“, doch genau diese Geschichte lastet auf den Schultern der Spieler. O’Neill nutzt die Angst als zusätzlichen Gegner. „Wenn die Tribüne flüstert, werden ihre Pässe länger“, sagt er und meint damit das Stadion, das bei jedem Ballverlust aufstöhnt.

Für Nordirland winkt das erste Endrunden-Ticket seit 1986, für Italien droht das zweite WM-Desaster innerhalb von vier Jahren. O’Neill hat seinen Spielern ein Video geschnitten: Szenen vom 1:0 gegen Ukraine, vom 2:1 in Hannover, von Jubelbildern, die beweisen, dass Underdogs nicht nur beißen, sondern auch gewinnen. „Wir sind kein Schrittmacher, wir sind der Stolperstein“, sagt er und lächelt erneut. Die Uhr im Mapei-Stadion tickt. Für die einen beginnt damit eine neue Ära, für die anderen endet eine alte. O’Neill weiß, auf welcher Seite er steht.