Ohne stöpsel, mit vollgas: bianca metz krönt sich zur deutschen meisterin der gehörlosen

Ein leiser Start, ein lauter Sieg. Am Bodensee haben 30 Radsportler alles auf die Straße gelegt – und keiner von ihnen hörte das Knacken der Gangschaltung oder das Rauschen des Windes. Die Deutschen Meisterschaften für Gehörlosen sind kein Kompensationsrennen, sondern ein Kampf um Sekundenbruchteile, bei dem nur das Zählwerk zählt.

Handzeichen statt startpistole

Statt Knall gibt’s Wink. Statt Kommunikation per Funk gibt’s Blickkontakt. Die Organisatoren des Radsport-Events „Rad & Roll“ haben die Regeln umgeschrieben: eine Fahne senkt sich, die Reifen quietschen, dann geht’s los. Wer hier gewinnt, braucht keine Musik im Ohr – nur Power in den Beinen. Und genau die hatte Bianca Metz vom GSV Reutlingen.

Die 28-Jährige jagte auf dem 42-Kilometer-Kurs durch 25 Runden und ließ die Konkurrenz aus ganz Deutschland stehen. Zweiter Platz: Leon Brunnert. Dritter Rang: wieder ein Reutlinger, Max Jehle, der sich tags zuvor schon im Zeitfahren die Gesamtwertung sicherte. Doppelpack für den Verein, Triumpf für eine Sportart, die längst bewiesen hat: Hören ist optional, Siegen nicht.

Rad & roll feiert zehnjähriges jubiläum mit neuen disziplinen

Rad & roll feiert zehnjähriges jubiläum mit neuen disziplinen

Die Meisterschaften sind nur ein Teil des mitreißenden Festivals. Erstmals gingen Velomobile und Liegeräder an den Start – futuristische Gefährte, die wie Mini-Flugzeuge über den Asphalt gleiten. Handbiker, Inline-Skater und traditionelle Rennradler teilten sich die Strecken rund um Friedrichshafen und Tettnang. Die Idee: Barrierefreiheit nicht als Zusatzprogramm, sondern als Normalität.

Patrick Stricker, Rennleiter des RSV Seerose, zieht Bilanz: „Wir haben 2017 angefangen, weil wir wollten, dass niemand zuschauen muss, sondern alle mitfahren können. Heute sind wir ein Fixpunkt im Kalender der Inklusionssportarten.“ Die Zahlen sprechen für ihn: 500 Aktive, 1.200 Zuschauer, null Stürze, volle Energie.

Am Ende standen strahlende Gesichter – und ein neues Gesicht des deutschen Radsports. Bianca Metz hob den Pokal, ohne ein Wort zu sagen. Ihr Lächeln war Lautsprecher genug. Wer jetzt denkt, Gehörlosigkeit sei ein Handicap, sollte sich das Video ansehen. Dann versteht man: Der Wind schreit, die Beine antworten, und die Zeit stoppt für alle gleich.