Odermatt steht vor dem sprint zur ewigkeit – nur noch braathen blockiert

Am Dienstag in Hafjell geht es nicht um eine Kugel, sondern um die Krone. Marco Odermatt kann mit Platz drei die fünfte Riesenslalom-Kugel in Serie sichern – und damit das, was nicht einmal Ingemar Stenmark oder Marcel Hirscher schafften: drei Saisons hintereinander vier Disziplinen dominiert.

48 Punkte vorsprung, ein brasilianer mit heimspiel im schnee

Lucas Pinheiro Braathen feiert in Kranjska Gora den Sieg, schmilzt Odermatts Polster auf 48 Zähler. Für den 28-Jährigen aus Nidwalden heißt das: Rang drei reicht. Braathen muss gewinnen und hoffen, dass „Odi“ außerhalb der Top Ten landet – eine Vorstellung so abwegig wie Schnee in Rio.

Loïc Meillard? Braucht ein Wunder und den Sieg. Die Rechnung ist gnadenlos klar: Wer in Hafjell die Nerven behält, schreibt Geschichte. Wer sie verliert, wird zur Fußnote.

Die fünf-kugel-serie, die selbst hirscher nicht schaffte

Die fünf-kugel-serie, die selbst hirscher nicht schaffte

Marcel Hirscher holte fünfmal die Riesenslalom-Kugel, aber nie fünfmal hintereinander. Stenmark kam auf sieben, allerdings mit Unterbrechungen. Odermatt würde mit der fünften Serie etwas Eigenes erschaffen: Kontinuität ohne Schwächephase, Dominanz ohne Sommerpause.

Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Mit der 12. kleinen Kugel überflügelt er Pirmin Zurbriggen und Vreni Schneider in der Schweizer ewigen Rangliste. Mit 17 Kristallkugeln Gesamt zieht er an Mikaela Shiffrin vorbei und blickt auf 20 – die Marke von Hirscher und Lindsey Vonn.

Die stunde der wahrheit auf eis und adrenalin

Die stunde der wahrheit auf eis und adrenalin

Hafjell ist kein gewöhnlicher Hang. Die Steilpassage kurz vor dem Ziel frisst Selbstvertrauen. Odermatt trainierte dort extra vier Tage länger, ließ sich die Schneekristall-Analyse per WhatsApp schicken. „Wenn du die Kugel willst, musst du die Bremse vor dem leterten Tor finden“, sagte er nach dem Training – und meinte nicht die Skibremse.

Braathen flog gestern noch mit der Privatmaschine der norwegischen Nationalmannschaft nach Lillehammer, um sich im Hotel mit Blick auf die Piste einzukreisen. Meillard fuhr stattdessen die Strecke mit dem Auto – 600 Kilometer allein, Radio aus, nur Motorengeräusch und Kopf.

Um 09.45 Uhr Ortszeit fällt der Startschuss. Dann zählt keine Statistik, nur die Kante des Skis. Dreißig Tore, zwei Läufe, eine Saison, die in einer Minute entschieden werden kann.

Odermatt hat die Ausgangslage, nicht das Momentum. Aber er hat etwas, das man nicht trainieren kann: die Ruhe des, der schon alles gewonnen hat – und trotzdem noch hungrig ist. Wenn er in Hafjell die Nerven behält, ist er nicht nur Saison-König, sondern auf dem Weg zum Thron der Götter. Die Uhr tickt. Die Kugel wartet. Und die Geschichte atmet tief, bevor sie das nächste Kapitel schreibt.