Odermatt riskiert alles und verliert – die kugel ist weg
Marco Odermatt fuhr
auf Sieg oder gar nichts. Jetzt steht er mit leeren Händen da. Der Schweizer verlor im ersten Riesenslalom-Durchgang die Linie, flog aus dem Kurs und kassierte damit nicht nur Null Punkte – er kippte damit auch die Kristall-Kugel aus seiner Hand. Lucas Pinheiro Braathen profitierte, setzte sich an die Spitze und hat die kleine Kugel so gut wie sicher.Odermatt wollte sich nicht retten, sondern angreifen
48 Punkte Vorsprung – das reicht normalerweise, um sicher ans Ziel zu kommen. Odermatt wählte dennoch die Attacke. „Ich wollte die Nummer eins ausnutzen“, sagte er nach dem Rennen vor den Kameras von SRF. „In Kranjska Gora bin ich zu defensiv gefahren, das wollte ich heute ändern.“ Das Risiko ging nach hinten los. Bereits nach wenigen Sekunden rutschte er zu weit nach innen, die Kante brach weg, das Rennen war gelaufen.
Die Rechnung war simpel: Wer angreift, kann gewinnen – oder verlieren. Odermatt verlor. Und er verlor mit offenen Augen. „Ich wollte die Kugel aus eigener Kraft holen, nicht durch Zählen und Hoffen.“ Das klingt nach Sportsgeist, aber auch nach Selbstüberschätzung. Denn die Form im Riesenslalom war seit Wochen nicht mehr die alte.

Die gewissheit fehlt – und vielleicht bald auch die lust
Odermatt spricht offen über das, was ihm fehlt: „Das gewisse Etwas, das früher da war.“ Gemeint ist die automatische Stabilität, die ihn vor zwei Jahren noch aus jedem Fehler herauskatapultiert hätte. Heute reicht ein kleiner Hänger, um die Linie zu verlieren. „Früher hätte ich den ersten Fehler gemacht, aber den zweiten nicht“, sagt er. Jetzt folgt der zweite, dritte, vierte – und er ist draußen.
Die Konsequenz: Erstmals seit 2022 hat er die Riesenslalom-Kugel nicht mehr. Und sieht sich bereits nach vorn. „Nächstes Jahr geht es noch einmal rund, weil wir eine Heim-WM haben. Aber danach ist vielleicht Schluss.“ Ein Satz, der in der Skiszene für Gesprächsstoff sorgt. Denn Odermatt stellt damit ein mögliches Karriereende in seiner einstigen Paradedisziplin in den Raum.
Die Heim-WM in Saas-Fee 2025 ist also nicht nur eine Chance, sondern vielleicht auch ein Abschied. „Ich bin noch gut genug“, sagt er. Aber er klingt nicht mehr wie jemand, der plant, sondern wie jemand, der sich verabschiedet.
