Odermatt packt fünf kristallkugeln ein – und merkt, dass er noch träumt
Marco Odermatt schreibt «10» in sein Skitagebuch, spuckt aber nicht einfach nur Zahlen aus. Der Nidwaldner hat in dieser Saison drei weitere Kristallkugeln ergattert – Gesamt, Abfahrt, Super-G – und damit die Anzahl seiner großen Kugeln auf fünf hochgeschraubt. Fünf, die ihn zum alleinigen Verfolger der ewigen Schweizer Bestmarke von Pirmin Zurbriggen aufsteigen lassen. Fünf, die ihn nachts aber noch nicht schlafen lassen.
Der traum, der plötzlich alltag wurde
Vor zehn Jahren rutschte ein 18-Jähriger in Beaver Creek ins Weltcup-Geschehen, ohne zu ahnen, dass er sich bald mit Superlativen jonglieren würde. «Eine grosse Kristallkugel zu gewinnen, war einst ein Traum», schreibt Odermatt auf Instagram. Heute stehen fünf davon im Regal, und er gesteht: «Manchmal fällt es schwer, das zu realisieren.» Die Formulierung klingt nach einem Typen, der sich selbst beobachtet, wie er Geschichte schreibt – und dabei noch nicht angekommen ist.
Die Interna der Schweizer Speed-Mannschaft befeuern das Feuer zusätzlich. Mit Lars Rösti, Stefan Rogentin und dem aufstrebenden Franjo von Allmen schickt Odermatt täglich Freunde auf die Streif, die ihn knacken wollen. «Interne Konkurrenz ist kein Nebengeräusch, sondern der Turbo», sagt ein Teaminsider. Odermatts Antwort: zwei Siege in der Abfahrt, drei in der Super-G, dazu die Silbernen von der Olympiastrecke in Yanqing. Die bronzene Medaille im Riesenslalom steckte im gleichen Koffer – ein Komplettsortiment, das vor Eleganz nur so strotzt.

Die zahlen, die ihm keine ruhe gönnen
Die Saisonbilanz liest sich wie ein Lehrbuch der Dominanz: 13 Podestplätze in 19 Rennen, 1.342 Gesamtpunkte – 434 mehr als der Zweitplatzierte Lucas Braathen. Doch die Statistik lügt nicht, sie erzählt auch, dass Odermatt nur zwei Mal die Riesenslalom-Kugel verpasst hat. Die Niederlage gegen Henrik Kristoffersen schmerzt, weil sie beweist: Selbst Könige müssen sich verbeugen, wenn das Terrain nicht ihren Geschmack trifft.
Die Sommerpause wird deshalb kein Strandurlaub. Odermatt plant, mit seinem Coach Tom Stauffer die Kurvenradien im Riesenslalom neu zu justieren. «Wir wissen, wo der Zeh drückt», sagt Stauffer knapp. Gemeint ist die erste Haarspitzwoche im Dezember, wenn die Weltcup-Herde wieder in den engen Bogen von Val d’Isère gedrängt wird. Dort will Odermatt nicht nur die sechste Kugel einpacken, sondern auch die Lücke zur Saison 1989/90 von Zurbriggen schließen, der damals 1.570 Punkte holte – bis heute unerreicht.
Der Schweizer Ski-Verband plant bereits ein Mentoring-Programm, bei dem Odermatt jungen Fahrern Einblick in seine Datenwelt gibt. «Wenn ich die nächste Generation schneller machen kann, profitiere ich selbst», sagt er. Die PR-Abteilung träumt bereits von einem «Odermatt-Jahr» 2026, wenn die Heim-WM in Crans-Montana ansteht. Die Organisatoren haben angefragt, ob er die Kurse mitplanen dürfe. Seine Antwort: «Erst will ich sie fahren, dann bauen.»
Die Nacht, in der er die fünfte Kugel in den Koffer legte, habe er kurz wach gelegen, erzählt er. «Ich dachte: Was ist, wenn das alles nur ein Traum ist?» Dann habe er das Gewicht der Kugel gespürt, den kalten Kristall im Arm. «Und ich wusste: Der Traum ist real, aber er ist noch lange nicht zu Ende.»
