Odermatt dreht ab: 16 kugeln, 3 olympiamedaillen – und er hadert trotzdem
Marco Odermatt stellt sich der Presse, drei Kristallkugeln glänzen zwischen Mikrofonen und Kaffeetassen. Die Trophäen wirken neben seinem verschmitzten Grinsen fast dekorativ. 16 Weltcup-Siege in einer Saison, dazu Gold, Silber, Bronze aus dem französischen Eis – und trotzdem fällt als erstes ein Satz, der klingt, als hätte er verloren: „Die 17. Kugel war zum Greifen nah.“
Der frühling, der ihm die 17. kugel raubte
In der letzten Riesentorlauf-Dämmerung von Saalbach ließ er 0,24 Sekunden liegen – ein Hauch, eine Schneeflocke auf der Zielgeraden. „Wenn du 16 Kugeln im Regal stehen hast, weinst du nicht über eine fehlende“, sagt er, aber seine Augen verraten, dass der Schmerz kurz im Nacken sitzt. Dann zuckt er mit den Schultern und spricht über die Tücken von Weichschnee, über Kanten, die wegknicken, über die Zeit nach Ostern, wenn die Piste wie Karamell zieht. Es klingt nach einem Ingenieur, der weiß, dass sein Prototyp noch nicht läuft.
Die Saison war dennoch ein Lehrbuch für die Ewigkeit. Er gewann die ersten drei Rennen in den drei Königsdisziplinen – Slalom, Riesentorlauf, Abfahrt –, ein Kunststück, das vor ihm keiner geschafft hat. „Wir waren auf der Diavolezza drei Wochen früher auf Schnee als die Konkurrenz“, sagt er und klingt dabei wie ein Koch, der sein Geheimrezept verrät: frische Zutaten, eisige Temperatur, perfekte Timing. Die FIS statistische Abteilung rätselt noch, wie viele Punkte Vorsprung drei Oktober-Siege wert sind; Odermatt nennt es „einen kleinen mentalen Polster“.

Mentalcoach und die angst, nur noch verlieren zu können
Hinter dem Siegeszug steckt ein Mann, der sich selbst als „Überraschungs-Maschine“ bezeichnet. Vor der Saison quälte ihn der Gedanke: „Was ist, wenn ich nur noch verlieren kann?“ Ein Mentaltrainer half ihm, den Satz umzudrehen: „Was ist, wenn du gewinnst, weil du nichts mehr zu verlieren hast?“ Odermatt spricht offen über diese Sitzungen, als würde er über Knieschoner reden – selbstverständlich, aber unverzichtbar. Gegen Ende kehrte der alte Zweifel zurück, als die Kugeln fast schon eingepackt waren. „Dann stehst du im Starttor und spürst, wie sich dein Hirn fragt: Was ist, wenn du heute alles verschenkst?“ Seine Antwort: „Du atmest durch, zählst bis drei und fährst einfach.“
Die Konkurrenz schläft nicht. Giovanni Franzoni feierte in Kitzbühel seinen ersten Abfahrtssieg, Franjo von Allmen jagt in Riesenslalom schon die 90-Kilometer-Marke. „Wenn die Jungen dich an der Stange rütteln, wird dir klar: Der Sport lebt von dem Moment, wenn du merkst, dass du ersetzbar bist“, sagt Odermatt. Er nennt es „das Salz in der Suppe“, aber man spürt, dass er das Rezept gern selbst kocht.

Neue ski, alte faszination: diavolezza ruft wieder
Nur wenige Tage nach dem Finale fuhr er wieder rauf auf die Diavolezza, 3 000 Meter hoch, wo die Pisten noch im April glänzen wie frisch polierte Chromstahl. Stöckli-Techniker warteten mit Prototypen, die noch keine Seriennummer tragen. Odermatt testete, notierte, forderte mehr Kantenhalt bei Plus-Grad. „Wenn wir die Frühjahrs-Schwäche nicht austreiben, wird mir nächstes Jahr jemand die 17. Kugel wieder wegfrisst“, sagt er und klingt dabei wie ein Ingenieur, der weiß, dass die nächste Saison schon morgen beginnt.
Die Zahlen sind längst Geschichte: fünf Gesamtweltcups in Folge, 37 Einzelsiege, drei Olympia-Ehrenplätze. Doch Odermatt redet nicht über Rekorde, sondern über „die kleine Lücke zwischen 99 und 100 Prozent“. Er schwärmt von Adelboden, wo er Rekordsieger ist, von Wengen, wo er die Streif als Erster nach 78 Jahren zweimal an einem Wochenende nahm. „Diese Berge erzählen Geschichten, und ich will noch ein paar Kapitel mit schreiben“, sagt er und meint damit nicht Kugeln, sondern Momente, in denen die Uhr stehen bleibt.
Die Saison ist vorbei, aber die Uhr tickt schon wieder. In seinem Kopf kreist kein Siegesrausch, sondern eine simple Rechnung: „Wenn ich im November in Sölden wieder starte, zählt nur die erste Zielgerade.“ Marco Odermatt dreht sich nicht nach den Kristallkugeln um. Er schaut nach vorn – und die Piste ist leer, bis auf ein paar Fußspuren, die ihm gehören.