Nur noch zwei deutsche speed-herren: schwaiger nennt das system gescheitert
Courchevel war ein Spiegelbild der deutschen Speed-Depression. Statt vier Starterinnen wie noch 2023 schickte der Skiverband am Freitag nur Simon Jocher und Maximilian Schwarz ins Rennen – zwei Namen, zwei Chancen, null Podestkontakte. Der Rest? Verletzt, krank, im Ruhestand oder schlicht nicht schnell genug.
Schwaiger packt aus: „wir bauen flugzeuge, lernen aber nicht fliegen“
Christian Schwaiger, 57, Bundestrainer seit 2022, spricht beim ARD-Mikro Klartext. „Ich muss den Jungs im Weltcup erklären, wie man eine Welle fährt – das ist Aufgabe der Basis, nicht meine.“ Der ehemalige Weltcup-Zweite sieht das Fundament bröckeln: „Wir brauchen ewig, bis ein Fahrer Wellen sauber legt, weil die Technik-Ausbildung fehlt. Dann wundern wir uns, dass sie in Kitzbühel Seitenwind als Attacke empfinden.“
Die Zahlen sind gnadenlos. Drei Jahre nach der Heim-WM in Courchevel fehlen 50 Prozent des Speed-Kaders. Thomas Dreßen (Knie), Josef Ferstl (Rücken), Romed Baumann (Karriereende) und Andreas Sander (Erkrankung) sind Geschichte. Luis Vogt, Hoffnungsträger nach Platz acht auf der Streif, laboriert an einem Kreuzbandriss. Resultat: Startnummer 31 und 42 in der Abfahrt, keine im zweiten Durchgang.

Neureuther rechnet mit dem schulsystem ab
Felix Neureuther, 41, kennt das Problem aus zwei Perspektiven: als Ex-Weltklasse-Athlet und als Vater, der seine Kinder ins Berchtesgadener Schulsystem einschichten muss. „Wir verlangen von einem Zwölfjährigen, dass er um 05:30 Uhr in Garmisch den Bus zur Gletscher-Trainingsgruppe nimmt und nachmittags noch Mathe-LK schafft. In Sölden wohnen sie direkt an der Piste, bei uns heißt es: erst mal zwei Stunden pendeln.“
Deutschland verfügt über drei echte Speed-Standorte: Oberstdorf, Berchtesgaden, Garmisch. Frankreich hat 22 Skistationen mit Weltcup-Abfahrt, Italien 18, selbst Norwegen betreibt vier Eis- und Sommer-Gletscher. Logistik und Infrastruktur, so Neureuther, seien „nicht sexy, aber der Unterschied zwischen Platz sieben und Platz 27“.
Der DSV investierte 2025 laut Jahresbericht 2,3 Millionen Euro in den alpinen Nachwuchs. Klingt viel, ist aber nur ein Sechstel des österreichischen Budgets. Schwaiger will nicht mehr „Pflaster auf offene Brüche kleben“. Er fordert ein Task-Force-Modell: Koordination von Schule, Ski-Gymnasien, Bundeswehr-Sportfördergruppe und externen Technik-Coaches. „Sonst diskutieren wir 2028 wieder, warum nur zwei Deutsche fahren.“
Die Uhr tickt. Die nächste WM findet 2027 in St. Moritz statt, die Olympischen Spiele 2030 in der französischen Rhône-Alpes-Region. Ohne technische Revolution, so Schwaigers Prognose, „fahren wir mit Handicap ins Rennen“. Die Frage ist nicht, ob das System kollabiert – es ist längst geschehen. Die Antwort liegt auf der Piste: entweder neue Infrastruktur oder neue Realität.
