Nrw-kracher: gummersbach gegen lemgo – brand sieht machtverschiebung

Klaus Schäfer, TSV Pelkum Sportwelt. Der VfL Gummersbach empfängt den TBV Lemgo Lippe – und plötzlich ist das Ruhrgebiet wieder die Handball-Hochburg Deutschlands. 19 Uhr, heute, keine 40 Kilometer trennen die Klubs, aber ein ganzes Jahrzehnt voller Missachtung. Nun geht es im Derby um Champions-League-Luft. Heiner Brand, 73, achtfacher Deutscher Meister mit dem VfL, sitzt vor dem Fernseher und lacht nicht mehr über den Begriff „Geheimfavorit“.

Brand: „die haben sich die spitze erkämpft, nicht geschenkt bekommen“

„Das ist keine Eintagsfliege“, sagt Brand und spricht damit aus, was viele Insider denken, aber nicht laut sagen. Magdeburg, Kiel, Berlin, Flensburg – das Quartett der Dauer-Brenner. Doch wer die letzten beiden Saisonen genau verfolgt hat, weiß: Gummersbach und Lemgo haben sich in die Riege der Angstgegner eingeschlichen. Lemgo ersetzt Leistungsträger wie andere Trikots, Gummersbach züchtet Nationalspieler im Akkord. Florian Kehrmann und Alfreð Gíslason haben ihre Klubs nicht verwaltet, sie neu erfunden.

Die Zahlen sind schonungslos. Seit Januar gewann Gummersbach 13 von 17 Pflichtspielen, Lemgo holte in der laufenden Bundesliga-Saison 28 Punkte aus den letzten 14 Spielen. Beide Teams liegen vor dem 24. Spieltag in der erweiterten Spitzengruppe – und das ohne Millionen-Budgets aus Fernost oder Öl-Gelder aus dem Mittleren Osten. Stattdessen: Nachwuchsakademien, Datenanalyse, ein Scout-Team, das schon U-17-Spieler mit Hand scanner-mäßiger Akribie bewertet.

Kleinigkeiten entscheiden – und eine fehlende urlabswoche

Kleinigkeiten entscheiden – und eine fehlende urlabswoche

Brand schwärmt nicht, er differenziert. „Die werden sich gegenseitig die Schuhe vollkotzen“, sagt er und meint damit die Intensität, die ein Derby eben mitbringt. Er weiß, wie schnell sich die Balance kippt. 2019 stand Gummersbach noch im Abstiegsplay-down, 2021 patzte Lemgo in der Relegation. Nun sind sie Top-8, vielleicht Top-4. „Das hat mit Kaderbreite zu tun, mit der Mentalität, sich nach einem Europapokal-Spiel in 48 Stunden neu aufzurichten“, so Brand.

Die personelle Lage gibt beiden Teams recht. Gummersbach verzichtet nur auf den angeschlagenen Lukas Blohme, Lemgo muss Björn Buß pausieren lassen. Ansonsten: Vollbesetzung. Das bedeutet Andreas Wolff gegen Dario Quenstedt im Tor, Kristian Bjørnsen gegen Lukas Stutzke auf der rechten Außenbahn, Dan Racoțea auf Marian Michalczik im Rückraum. Ein Schlagabtausch auf Augenhöhe, der vielleicht schon in der 53. Minute entschieden wird, wenn eine Siebenmeter-Entscheidung fällt und die 9.000 in der Schwalbe-Arena die Decke abheben.

Der pokal als turbo – wer trägt die last leichter?

Der pokal als turbo – wer trägt die last leichter?

Beide Klubs schreiben schwarze Zahlen, beide haben sich mit dem EHF-Pokal schon früh ein Ziel gesetzt, das die Saison strukturiert. „Wenn du in der Gruppenphase steckst, vergisst du den Liga-Alltag nicht, aber du spielst jeden zweiten Donnerstag unter Druck“, erklärt Brand. Genau dieser Druck formt Teams. Lemgo schaffte den Sprung ins Viertelfinale, Gummersbach ist auf Kurs. Die Reisezeiten, die engen Hallen in Osteuropa, das schweißtreibende 40-Minuten-Pressing – das schmiedet Charakter und spart nebenbei die teure Urlaubswoche im Winter.

Für Brand bleibt dennoch ein Favorit. „Ich bin Gummersbacher, klar will ich den VfL sehen.“ Aber er warnt: „Lemgo hat in den letzten drei Derbys zweimal gewonnen, beide Male mit einem Tor. Das sind keine Moral-booster, das sind DNA-Veränderungen.“

Am Ende zählt ein einziges Datum: Heute, 19 Uhr. Danach steht entweder der VfL einen Punkt vor Lemgo auf Rang drei – oder Lemgo umgekehrt. Die Daikin HBL bekommt ein neues Gesicht, auch wenn Brand weiß: „Magdeburg und Kiel werden nicht wegschauen. Aber sie müssen jetzt aufpassen.“ Die Spitze wird enger, der Kampf um die Champions-League-Ticket länger. Und im Ruhrgebiet feiert man endlich wieder Handball, ohne dass Nostalgie dazwischen funkelt.