Nordiren stürmen bergamo: 2.000 fans wollen italien die wm-teilnahme rauben
Die Lederhosen sind grün, die Haare rot-blonde Markenzeichen, und die Stimmen klingen nach Belfast statt nach Bergamo. Seit Tagen verwandelt eine 2.000 Mann starke Invasion aus Nordirland die malerische oberitalienische Stadt in eine keltische Festung – und das nur für ein Fußballspiel, das am heutigen Abend (20.45 Uhr) im Stadio di Bergamo die WM-Träume des Vierfachen Weltmeisters Italien in Frage stellt.

Die rechnung der gäste: langes spiel, kurzes ergebnis
Michael O'Neill, der Coach der Nordiren, die mit gerade einmal 1,9 Millionen Einwohnern kleiner sind als die Metropolregion Mailand, sagt es offen: „Die Erwartungen lasten auf Italien. Wir lassen uns nicht einschüchtern.“ Fehlen werden Conor Bradley und Dan Ballard, die Leistungsträger. Doch die Fans, die seit Montag in kleinen Gruppen anreisen, sprechen dieselbe Sprache der Entschlossenheit.
Steven steht Schlange für die Standseilbahn zur Città Alta, kurze Hosen trotz 15 Grad und Hagel vom Vortag. „Wenn das Spiel lange offen bleibt, haben wir unsere Chance“, sagt er knapp. Die Strategie ist klar: 0:0 zur Pause, dann irgendwie ein Tor – und die italienische Druckmaschine beginnt zu stottern. Josh schwenkt auf der Piazza del Duomo ein Banner: „Wir sind nicht Brasilien, wir sind Nordirland!“ Für ihn ist das mehr als ein Slogan. „Italien fehlt zwei WM-Turniere, uns vierzig Jahre. Bei Mexiko '86 war ich ein Jahr alt.“, sagt er und lacht, aber die Augen bleiben hart.
Die Funicolare gleicht einer Belfast-Kreuzer: grüne Trikots, weiße Kapuzen, blaue Trainingsanzüge. In den Bars der Oberstadt dominiert Guinness statt Aperol, und wer italienisch bestellt, bekommt ein freundliches „Sorry, mate“ zurück. Die Hymne wird vorab geprobt, die Stimmbänder sind bereits rau. Die Zahlen sprechen für den Underdog: Italien ist Titelanwärter, Nordirland holte aus den letzten fünf Spielen vier Remis und einen Sieg. Doch Zahlen interessieren hier niemanden.
Martin, Fan seit 30 Jahren, hat eine schwarze Flagge dabei – genäht mit Länderpatches aller Stadien, in denen er seine Mannschaft sah. „Wir haben in Deutschland gespielt, in der Slowakei, wir kennen Druck. Aber dieses Mal geht es um alles.“ Die Route nach 2026 führt über Bergamo, danach winken mögliche Play-off-Finals in Wales oder Bosnien. Noch ist alles offen, solange der Ball rollt.
Der Gegner schweigt. Luciano Spalletti trainierte die Squadra Azzurra im stillen Centro Tecnico, die Fans sind nervös: zwei verpasste WM-Endrunden in Folge haben das Selbstbewusstsein der vierfachen Weltmeister angeknackst. Die Curva Gewiss wird laut sein, doch die grüne Minderheit könnte das Stadion zum Kochen bringen, falls es in der 80. Minute noch steht. Dann, so hofft O'Neill, spielt nicht mehr die Historie, sondern der Moment.
Kick-off 20.45 Uhr. Für 90 Minuten ist Bergamo keine italienische Stadt mehr – sie gehört den Nordiren, die seit vier Jahrzehnten auf diese eine Nacht warten. Und sollte am Ende doch ein Wunder stehen, wäre es keines: nur eine logische Konsequenz aus 2.000 Stimmen, die seit Tagen vor dem Stadio di Bergamo „We’re not Brazil, we are Northern Ireland“ skandieren. Italien hat gewarnt – jetzt muss es liefern.
