Noémie wiedmer schießt silber und lässt den snowboard-weltcup erzittern

St. Moritz – 18 Jahre alt, erst seit zwei Monaten auf dem Weltcup-Podest, schon jetzt Junioren-Weltmeisterin auf Silber: Noémie Wiedmer hat die Snowboard-Cross-Welt mit einem zweiten Ausrufezeichen binnen vier Wochen aufgerüttelt.

Die Thurgauerin fuhr am Freitag auf der Corviglia-Piste mit 0,12 Sekunden Rückstand auf die Italienerin Francesia Boirai ins Ziel. Bronze ging an die Französin Fiona Caiolo Serre. Für Wiedmer ist es die zweite Medaille dieser Saison, nachdem sie am 8. März in Cortina erstmals Weltcup-Punkte und gleich das Podest erobert hatte.

Die zahlen, die trainer sprachlos machen

Seit Mailand – dort wurde sie Olympische Vierte – hat die Schweizerin von zehn Rennen neunmal die Top-Fünf geschafft. Ihre durchschnittliche Startblöcke-Reaktionszeit von 0,38 Sekunden liegt im Weltcup vorne, obwohl sie gegen Profis antritt, die doppelt so alt sind. „Sie verliert keine Zehntel mehr an den Startgeräten, sie gewinnt sie“, sagt Co-Trainer Lukas Häusermann, der seit Jahren Junioren auf die Weltspitze vorbereitet. „So eine Entwicklung habe ich selten gesehen.“

Was niemand laut sagt, aber alle wissen: Mit 18 hat Wiedmer jetzt schon so viele Podestplätze wie die meisten Fahrerinnen in ihrer ganzen Karriere. Der Verband plant deshalb intern, sie schon für die Saison 2024/25 ins A-Kader zu befördern – zwei Jahre früher als vorgesehen.

Warum st. moritz mehr war als ein junioren-titel

Warum st. moritz mehr war als ein junioren-titel

Die Strecke in der Engiadina gilt als Prototyp für die Olympiabahn 2026: steil, technisch, mit einem Einschuss, der nur zwei Meter breit ist. Wer hier Silber holt, kann auf jeder Piste der Welt gewinnen. „Ich habe mir vor dem Finale gesagt: Wenn du hier nicht trau-st, wirst du es in Mailand nie tun“, erzählte Wiedmer nach dem Rennen. Das klingt nach PR-Sprech, ist aber ihre tatsächliche Antwort auf die Frage, warum sie im letzten Heat riskierte und Boirai innen attackierte.

Die Italienerin gewann, aber die Bilder zeigen: Wiedmer war kurz vor dem Zusammenstoß, zog aber noch einen Zentimeter früher raus. Genau diese Entschlossenheit vermissten Schweizer Trainer in den vergangenen Jahren. „Wir hatten Talente, aber kein Selbstvertrauen“, sagte Sportchef Patrick Sutter. „Noémie bringt beides mit.“

Die Gold-Favoritin Chloé Trespeuch aus Frankreich schied im Viertelfinale aus. Ihr Kommentar: „Wiedmer? Den Namen merkt man sich.“ Es klang nicht wie ein Lob, sondern wie eine Warnung.

Der nächste weltcup zittert schon

Bereits am kommenden Freitag geht es in Reiteralmen weiter – und das Startfeld liest sich wie ein Who-is-Who der Snowboard-Cross-Elite. Wiedmer trägt dort erstmals die Startnummer 5, die höchste je einem Schweizer Junioren zugestanden wurde. Die TV-Directorin des Weltcups, Ilse Kohl, hat bereits angekündigt, dass die Kameras Wiedmer in der Quali „immer dabei“ haben. Sponsoren stehen Schlange, der Schweizer Skiverband rechnet intern mit 1,2 Millionen Franken zusätzlichem Marketingwert, sollte sie in Österreich wieder Top-Fünf fahren.

Und Wiedmer selbst? Sie fuhr nach St. Moritz direkt weiter ins Val Müstair, um mit ihrem Bruder Luca – ebenfalls Snowboarder – die gleiche Trainingseinheit zu absolvieren, die sie vor einem Jahr verpasst hatte, weil sie noch in der Schule saß. „Ich will nicht, dass Silber ein Einzelstück bleibt“, sagt sie. „Ich will, dass es mein Standard wird.“

Die Snowboard-Szene hat eine neue Standarte. Sie trägt die Startnummer 5, ist 18 Jahre alt und hat gerade erst angefangen zu gewinnen.