Nmecha droht wm-aus – nagelsmann bangt um bvb-turbo

Felix Nmecha liegt auf dem Tisch, das Knie geschient, die Träume in Gefahr. Eine einfache Drehung im Zweikampf gegen den HSV, ein knackendes Geräusch – und schon steht fest: Deutschlands Mittelfeld-Motor könnte im Sommer in den USA, Kanada und Mexiko fehlen.

Julian Nagelsmann bestätigte am Sonntagabend, was BVB-Fans seit dem 3:2 gegen Hamburg befürchteten. „Es besteht zweifelsfrei die Gefahr, dass er die WM nicht spielen kann“, sagte der Bundestricker vor dem Test gegen Ghana. Die Außenband-Dehnung im rechten Knie sei „nicht ohne“. Die medizinische Abteilung hatte die Diagnose noch am Samstagabend bestätigt – „mehrere Wochen“ Pause, heißt es offiziell. Klingt harmlos, ist es nicht.

Die stoppuhr tickt laut

Noch 96 Tage trennen das DFB-Team vom Eröffnungsspiel in Philadelphia. Für Nmecha heißt das: Drei Monate, um Schmerzfreiheit, Belastbarkeit und Matchrhythmus zurückzugewinnen. Ein Kraftakt, den selbst Optimisten im Dortmunder Leistungszentrum mit einem Schulterzucken kommentieren. „Er hat einen guten Körper, eine gute Muskulatur“, versucht Nagelsmann es trotzdem. Aber er sagt auch: „Es wäre ein herber Verlust.“

Denn Nmecha ist kein Ergänzungsspieler. Seit seinem Wechsel vom VfL Wolfsburg hat der 25-Jährige die rechte Halbposition zur Chefsache gemacht. Kein deutscher Mittelfeldspieler gewann in dieser Saison mehr Zweikämpfe (65,4 %), keiner sprintete öfter über 30 km/h. Nagelsmann hatte ihn bereits als „Kreisel“ bezeichnet – jemand, der das eigene Pressing beschleunigt und den Gegner zermürbt. Genau diese Dauerexplosivität steht nun auf dem Prüfstand.

Plan b mit musiala und wirtz

Plan b mit musiala und wirtz

Im Trainingslager in Herzogenaurach testet der Bundestrainer deshalb schon mal Alternativen. Jamal Musiala rückt ins Zentrum, Florian Wirtz übernimmt Teile der halbseitigen Ballkontrolle. Beide können dribbeln, beide können treffen – aber keiner von ihnen verbindet Ballgewinn und Tempowechsel so rabiat wie Nmecha. „Wir planen mit allen Szenarien“, sagt Nagelsmann und meint damit auch ein 4-2-3-1 ohne echte Flügelzange. Die WM-Kaderliste muss am 1. Juli fix stehen. Bis dahin bleibt Nmecha in der Reha, während der Rest der Truppe nach Japan fliegt, zwei Testspiele bestreitet und die Automatismen einspielt.

Für den Spieler selbst ist die Lage klar: Er will mit, koste es was es wolle. Im Dortmunder Leistungszentrum arbeitet er zweimal täglich an Propriozeption und Muskulatur. Die Bandstruktur heilt langsam, aber die Frage ist nicht nur, ob das Gewebe hält – sondern ob Nmecha nach Wochen ohne Vollkontakt noch die nötige Aggressivität mitbringt. „Man kann nicht einfach Knie reparieren und erwarten, dass der Kopf folgt“, sagt ein Verbandsarzt anonym. Die Psychologen sind bereits involviert.

Die Weltmeisterschaft droht, ohne ihren deutschen Turbo zu starten. Für Nmecha beginnt nun ein Wettlauf gegen die Zeit – und gegen sein eigenes Knie. Verliert er, verliert auch Nagelsmann einen Plan, der bislang funktionierte. Die Vorbereitung läuft, der Countdown läuft lauter. Am Ende zählt nur, ob der Kreisel wieder durchdreht – oder stillsteht.