Neuer bricht wieder – urbig rückt ins champions-league-feuer
Manuel Neuer verlässt den Platz mit hangender Schulter, das Gesicht eine Maske aus Schmerz. 45 Minuten war er zurück, nun folgt die nächste Zwangspause – ein kleiner Muskelfaserriss in der linken Wade zwingt den Kapitän in die Knie und den FC Bayern in die nächste Torhüter-Diskussion.
Jonas Urbig steht am Dienstag in Bergamo zwischen den Pfosten. 22 Jahre alt, fünf Champions-League-Spiele im Rücken, davon vier im K.-o.-System. Die Stunde des Youngsters schlägt zum zweiten Mal binnen zwei Wochen. Gegen Gladbach war er kaum gefordert, doch Atalantas Sturm um Lookman und Scamacca wird heißer pfeifen.

Die uhr tickt für neuer
Sein Vertrag läuft aus, der Körper sendet Warnsignale. Drei Wochen Pause, ein Spiel Comeback, wieder Pause – so sieht die Bilanz seit Ende März aus. Am 27. März wird Neuer 40. Die Frage ist nicht mehr, ob er noch kann, sondern ob er noch will. Gespräche mit der Vereinsführung hat er bislang nicht gesucht. Die Vereinsführung wartet, weil sie im Falle eines Rückzugs eine erfahrene Nummer zwei bräuchte – und die ist weder Alexander Nübel noch Daniel Peretz gewillt zu spielen.
Intern herrscht trotzdem Ruhe. Urbig gilt als ruhig, abgeklärt, mit Reflexen, die sich nicht in Statistiken erfassen lassen. In Eindhoven kratzte er den Ball mit Fingerspitzen aus dem Winkel, gegen Leverkusen hielt er zwei Mal den Clean Sheet. Die Runde später schleppte er die Bayern mit zwei Unentschieden gegen Inter ins Halbfinale. Die Zahlen sprechen: 73 Prozent gehaltene Elfmeter in der Jugend, 1,14 Gegentore pro Spiel in der Champions League – kein Torwart des aktuellen Kaders kommt an seine Quote heran.
Doch die Geschichte lehrt, dass Erfahrung in der K.-o.-Phase Gold wert ist. Neuer hat 156 Europapokalspiele bestritten, Urbig fünf. Die Atalanta-Fans feiern ihre Mannschaft als „Gewitter aus Mailand“, die Bayern reisen mit einem Jahrhundertsturm, aber ohne ihren Jahrhundert-Torwart. Die ironie: Gerade hatte Neuer erklärt, er wolle „noch mal richtig angreifen“. Sein Körper attackierte zurück.
Sven Ulreich sitzt auf der Bank, Vertrag ebenfalls im Mai 2025 auslaufend. Der Klub plant schon jetzt mit Frans Krätzig als dritten Keeper, um den Kader zu entlasten. Doch die eigentliche Last trägt jetzt Urbig. In Bergamo wird nicht nur ein Viertelfinale entschieden, sondern möglicherweise auch die Nachfolge von Neuer. Die Frist läuft, der Countdown läuft – und der Ball rollt am Dienstag um 21 Uhr, egal wer ihn aufnimmt.
