Neuer bezwingt vinícius und mbappé – mit 40 der beste schlussmann der welt
Manuel Neuer schrie dem Himmel zu, die Faust fest geballt, die Arme weit. Im Estadio Santiago Bernabéu hatte er soeben Vinícius Júnior und Kylian Mbappé in Serie pariert, den FC Bayern mit sieben Glanztaten auf Kurs zum 2:1-Sieg im Champions-League-Viertelfinale geschossen – und sich selbst wieder einmal in die Geschichtsbücher gespielt. Mit 40 Jahren. Nach zwei Folgeoperationen am Sprunggelenk. Vor 78.000 Zuschauern, die zwischen den 60. und 65. Minute zweimal aufjubelten, weil sie dachten, ihr Superstar treffe. Neuer dachte nur: „Noch mal rausgestreckt.“
Die zahlen hinter der gala: drei big chances vereitelt, 1,9 post-shot-xgot abgewehrt
Die Statistik-Dienstleister lagen sich nach Abpfiff in den Haaren. Opta verbuchte drei „Big Chances“ gegen Neuer, der Expected Goals on Target-Wert der Schüsse lag bei 1,9 – klingt wenig, bedeutet: ein durchschnittlicher Torwart hätte mindestens ein Gegentor kassiert. Neuer blieb ohne. Er warf sich ins kurze Eck, als Vinícius aus sieben Metern einschob (61.), streckte sich zur Flugparade, als Mbappé halb rechts vollstrecken wollte (66.). Dazwischen ein Reflex gegen Jude Bellingham aus Nahdistanz. „Wenn du gegen diese drei spielst, brauchst du Glück und perfekte Fußarbeit. Ich hatte beides“, sagte er, ohne auch nur ein Gramm Selbstzufriedenheit zu erlauben.
Was niemand laut aussprach: Mit diesem Auftritt hat Neuer die Debatte um den Bundesliga-Stammplatz von Daniel Peretz für diese Saende beendet und gleichzeitig die um die Nationalmannschaft wiedereröffnet. Julian Nagelsmann wird am Freitag seinen Kader für die Nations-League-Spiele gegen Italien und Frankreich nominieren. Hinter den Kulissen ist bereits angeklungen, dass Neuer – trotz seines Alters und der langen Pause – wieder als klarer Nummer-eins-Kandidat gilt. „Ich höre die Frage, aber ich antworte nicht drauf“, sagte Neuer im Mixed Zone. „Ich spiele, solange ich Spaß habe und der Körper mitmacht.“

Vertrag bis 2025, aber dann? die stunde der wahrheit naht
Der Vertrag läuft noch ein Jahr. Intern signalisiert der Kapitän, dass er sich vorstellen könne, auch darüber hinaus zu spielen – sofern die Sprunggelenke mitspielen. Die medizinische Abteilung des FC Bayern hat ihm ein individuelles Belastungsmodell erstellt: keine Doppelbelastung innerhalb von 72 Stunden, kein Volltraining nach Flügen über fünf Zeitzonen. „Wir behandeln Manuel wie einen Hochleistungsmotor, der schon viele Kilometer draufhat“, sagt Fitnesscoach Simon Martinello. „Die Leistung ist noch Spitzenklasse, aber wir müssen die Reparaturzyklen verlängern.“
Die sportliche Leitung um Max Eberl schwieg sich nach der Partie in Madrid demonstrativ aus. Ein klares Bekenntnis gilt aber als ausgestanden: Neuer ist die unumstrittene Nummer eins, auch wenn Sven Ulreich in der Liga zwischenzeitlich Verantwortung übernahm. Die Frage ist nur, wie lange Bayern mit der Alterspyramide leben will. Alexander Nübel kehrt 2025 aus Monaco zurück, Johannes Schenk gilt als Top-Talent. Doch wer sagt schon, dass ein 41-Jähriger nicht noch einmal ein Jahr dranhängt, wenn er gegen die schnellsten Angreifer der Welt noch immer die Hand vor den Ball bekommt?
Im Kabinentrakt des Bernabéu stand Neuer nach der Pressekonferenz allein vor seinem Schrank, band sich die Uhr um, die er während des Spiels in einem kleinen Beutel aufbewahrt hatte. „Weißt du, was das Schönste ist?“, fragte er einen Mitarbeiter. „Dass sie beide wussten, wo ich stehe, und trotzdem nicht treffen konnten.“ Dann lachte er, schloss den Spind und ging Richtung Mannschaftsbus. Die Saison ist noch lang, der Körper schreit manchmal, aber der Ball fliegt weiter weg von der Linie als je zuvor.
