Nerea marti: vom testcockpit zur stimme von andretti – warum madrid nur der anfang ist

Als Nerea Marti vor zwei Jahren das erste Mal das Andretti-Formel-E-Cockit drückte, ahnte niemand, dass aus dem schnellen Gastspiel eine dauerhafte Mission wird. Nun ist die 24-jährige Spanierin offiziell Team-Botschafterin – und gleichzeitig verdeckte Waffe auf dem Simulator, der die Strategie für die nächsten Rennen schreibt.

Madrid wird zur heim-schlacht – mit daten statt ps

Die neue Rennstrecke am IFEMA-Messegelände ist für alle Teams ein Blindflug. Für Marti nicht. „Ich kenne jede Schikane aus dem Simulator, bis zur letzten Millisekunde“, sagt sie und lacht verschmitzt. „Die Jungs schauen auf meine Heat-Maps, bevor sie ihre Outlap planen.“ Dabei war ihre Karriere fast ein klassisches Madrid-Trauerspiel: ohne Sponsoren, ohne Frauen-Vorbilder, nur mit einem Kart und einem Vater, der Nachtschicht schob, um die Miete für die Bahnanlage zu zahlen.

Heute zahlt Andretti ihre Flugtickets. Und Marti zahlt es zurück mit Informationen: Reifenfalloff, Batterietemperatur, Bremspunkte – alles fließt in die Engineer-Cloud. „Früher haben wir getestet, bis der Tank leer war. Heute teste ich, bis der Akku stirbt – und die Software lebt.“

Die sichtbarkeit hat einen preis: 37 interviews in drei tagen

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In Mexiko-Stadt sprach sie 18 Minuten mit dem lateinamerikanischen ESPN-Sender, danach direkt ins Spanische Movistar, anschließend TikTok-Fragerunde – alles in eigener Muttersprache. „Ich bin die Dolmetscherin der Marke“, sagt sie. „Wenn ein mexikanisches Mädchen mich fragt, wie man Ingenieurin in der Formel E wird, kann ich antworten, ohne dass Google Translate dazwischenfunkt.“

Die Quote lügt nicht: Seit ihrer Ernennung stieg der Anteil spanischsprachiger Kommentare auf Andrettis Social-Kanälen um 42 Prozent. „Sichtbarkeit ist kein Marketing-Gag, sie ist ein Multiplikator“, sagt Marti. „Wenn eine 14-jährige in Madrid sieht, dass ich aus derselben Straße komme, glaubt sie plötzlich, dass die Grid Girls von einst Ingenieurinnen von morgen sein können.“

Die strecke kennt sie, das podest noch nicht – das ändert sich 2026

Offiziell ist sie Reservistin. Inoffiziell hat sie bereits Einsatzzeiten für das Rennen in Miami reserviert, sollte ein Regular krank werden oder Straf-Grid-Plätze kassieren. „Ich habe meine Super-Lizenz seit zwei Jahren, nur die Startnummer fehlt noch“, sagt sie. Und sie hat schon eine Nummer im Kopf: 37 – das Jahr, in dem ihre Mutter geboren wurde und vor der Geburt noch Nachtschicht in einer Druckerei arbeitete.

Bis dahin bleibt sie die unsichtbare Pilotin. Aber ihre Daten sind längst sichtbar – und entscheidend. In der vergangenen Saison lag Andretti nach dem ersten Freitagstraining dreimal auf dem letzten Platz, schaffte aber zweimal das Podest am Sonntag. „Wir haben die Setups über Nacht umgeschmissen – basierend auf Nereas Longruns“, verrät Race-Engineer John Cardwell. „Ihre virtuelle Reifenabnutzung war realer als die der echten Strecke.“

Am 24. Mai rollt die Formel E in Madrid an. Marti wird nicht im Cockpit sitzen – noch nicht. Aber sie wird diejenige sein, die den Fahrern zuruft: „Bremspunkt bei 78 Meter, Kurve 3 frisst Reifen.“ Und wenn dann ein Mädchen aus Vallecas ihren Namen auf der Leinwand sieht, ist schon alles gewonnen. Der Sieg folgt 2027 – mit Startnummer 37.