Nagelsmann zieht letzte bilanz: ghana-test wird zünglein an der wm-waage
Knapp zehn Wochen vor dem ersten WM-Pflichtspiel in Seattle wird Julian Nagelsmann in der Stuttgarter MHP Arena ein Fünkchen Wahrheit erkennen wollen. 20.45 Uhr, ARD live, 60 000 im Kessel – und ein Gegner, der nach dem 1:5 in Ried plötzlich wieder hungrig ist. Ghana liefert sich mit Deutschland ein letztes Aufwärmduell, bevor der Bundestrainer im Mai seine 26 Namen in den Umschlag steckt.
Die elf, die nagelsmann noch nicht kennt
Gegen die Schweiz jubelte ein B-Team zum 4:3, heute darf sich der Kreis der Protagonisten verengen. Marc-André ter Stegen wird zwischen den Pfosten postiert sein, weil Manuel Neuer nach 636 Tuten Pause gegen Frankfurt erstmals wieder fehlt. Vor ihm duelliert sich Antonio Rüdiger mit Inaki Williams, hinter ihm wackelt die Rechtsverteidiger-Frage: Joshua Kimmich will die Position, aber Benjamin Henrichs hat sich mit Gladbach in die enge Auswahl gespielt. Die Entscheidung fällt heute.
Im Mittelfeld liegt der eigentliche Rubikon. Robert Andrich und Pascal Groß buhlen um denselben Sechser-Job, während Jamal Musiala wie ein Libero zwischen den Linien schwirren soll. Florian Wirtz darf seine formelhafte Kombination mit Kai Havertz wiederholen – ein Duo, das gegen die Nati bereits für drei Scorerpunkte sorgte. Die ghanaische Abwehr, zuletzt von Österreich entzaubert, bietet Räume, die sich wie Einladungen lesen.

Warum ghana plötzlich wieder gefährlich ist
Otto Addo hat die Schwarzen Stars nach der desolaten Leistung in Ried intern zusammengefegt. Die 1:5-Pleite war kein Ausrutscher, sondern ein Weckruf: Fehlende Kommunikation, zu hohe Defensive, fehlende Ballsicherheit. Seit Montag trainiert Ghana im DM-Stadion mit eingeschränktem Videobeweis – Addo lässt seine Außenverteidiger per Handzeichen umschalten. Das klingt nach Detailarbeit, aber genau diese Kleinigkeiten haben Deutschland zuletzt gegen Japan und Mexiko gekostet.
Für Deutschland zählt indes nicht das Ergebnis, sondern die Botschaft. Ein souveräner Auftritt würde Nagelsmann die mediale Rückendeckung verschaffen, die er braucht, um in der Sommervorbereitung mutige Schnitte zu wagen. Ein Rückschlag hingegen würde die Skeptiker wieder laut werden lassen, die seit dem WM-Debakel in Katar auf neue Fehlzündungen warten. Die Zeit der Experimente läuft ab, die Zeit der Konsequenzen beginnt.
Die Uhr tickt. In 68 Tagen eröffnet Deutschland gegen Marokko die Endrunde, heute entscheidet sich, wer das Lied der Elf auf US-Böden mitsingen darf. Wer heute glänzt, reist im Sommer mit dem Selbstbewusstsein eines Gewissheitstraegers. Wer heute stolpert, muss bangen, dass das Kaderfax im Mai nicht pünktlich ankommt. Nagelsmann wird nicht alles erfahren, aber er wird genug sehen, um seine letzten Fragezeichen in Punkte zu verwandeln.
