Nagelsmann holt schreuder: dfb-wm-staff bekommt hoffenheim-upgrade
Julian Nagelsmann setzt auf Alfred Schreuder. Der Niederländer springt als zusätzlicher Co-Trainer in den eng getakteten WM-Modus, wie der DFB am Dienstag verkündete. Ein alter Hoffenheim-Kollege als Notnagel – und das nur 100 Tage vor dem Turnierauftakt.
Warum jetzt noch ein assistent?
Die Antwort liefert Nagelsmann gleich mit: Standards. „Wir erwarten, dass Elfmeter und Eckbälle bei dieser WM eine noch größere Bedeutung bekommen“, sagt er. Mads Buttgereit, bisheriger Spezialist für ruhende Bälle, soll sich künftig ausschließlich darauf konzentrieren. Schreuder übernimmt dafür die Schnittstelle zwischen Videoanalyse und Training, ein Job, den es offiziell bislang nicht gab.
Die Personalie ist mehr als eine harmlose Erweiterung. Schreuder und Nagelsmann kreuzten sich 2013 in Hoffenheim, als der Deutsche 25-jährige Chef-Coach war und der Niederländer seine rechte Hand. Die TSG spielte damals das aggressive 3-1-4-2, das später Nagelsmanns Markenzeichen wurde. Schreuder gilt als taktischer Pedant, der selbst kleinste Laufwege auf dem Flipchart visualisiert. In der Rückrunde 2013/14 hatte Hoffenheim die drittbeste Defensive der Liga – ein Erfolg, den man sich beim DFB für die WM zurückwünscht.
Schreuders Vita liest sich wie ein Kompendium europäischer Top-Klubs: Ajax, Bruges, Barcelona – immer als Assistenz, nie als Dauerbrenner. Zuletzt war er bei Al-Ain in den VAE tätig, einem Klub, der Spieler mit Starpower hortet und taktische Freiheiten gewährt. Dort trainierte er mit Videoanalyse-Apps, die Laufwege in Echtzeit tracken. Dieses Know-how bringt er mit ins DFB-Camp.

Testlauf in basel und stuttgart
Bereits am 27. März in Basel und drei Tage später gegen Ghana in Stuttgart wird Schreuder auf der Bank sitzen. Die Partien gelten als Generalprobe für die WM-Formation. Nagelsmann will sehen, wie sich die neue Rollenverteilung auf die Trainingsintensität auswirkt. Ein Insider berichtet, dass in der vergangenen Woche bereits interne Simulationen liefen: Buttgereit nahm sich 20 Minuten nur Freistöße vor, während Schreuder die Feldspieler in kurzen Video-Sprints auf Gegenpressing-Muster trimmte.
Der Kader reagiert gelassen. Joshua Kimmich sagt kurz: „Je mehr klare Aufgaben, desto weniger Chaos.“ Antonio Rüdiger pflichtet bei: „Standards haben uns schon EM 2024 das Aus gekostet. Wenn jetzt jemand nur dafür zuständig ist, gut.“ Die Spieler sprechen offen über die 0:2-Pleite gegen Spanien im Viertelfinale, bei der sie zwei Standardsituationen nicht sauber verteidigten.
Für den DFB ist die Verpflichtung auch ein Rechenexempel. Schreuders Vertrag läuft nur bis Jahresende, die Abfindung für Al-Ain lag laut arabischen Medien bei 350.000 Euro. Ein geringer Preis, wenn man bedenkt, dass der DFB durch einen Viertelfinal-Ausfall bei der WM rund 8 Millionen Euro Prämie verlieren würde.
Am Dienstagabend landete Schreuder in Frankfurt, Koffer voller Tablets und Flipcharts. Die WM ist seine letzte Chance, sich als Dauerlösung zu profilieren. Nagelsmann kennt die Zahlen: In den letzten fünf Weltmeisterschaften entschieden sich 43 % der Spiele durch Tore nach Standards. Wenn Schreuder nur ein Tor verhindert oder erzielt, hat sich seine Anstellung bereits amortisiert.
Die Uhr tickt. In 100 Tagen beginnt die WM. Die deutsche Mannschaft wird nicht perfekt sein, aber sie wird besser trainiert dastehen. Und wenn der erste Gegner nach Ecke einknickt, weiß jeder auf der Bank, warum Alfred Schreuder jetzt dabei ist.
