Nach tram-desaster in mailand: toter wurde verwechselt – familie erfuhr es stunden später
Mailand schüttelt sich. Nach dem Entgleisen der Linie 9 am Freitag haben die Behörden einen Fehler zugegeben, der an Größe kaum zu überbieten ist: Die zweite Tote war nicht der 56-jährige Senegalese, der in allen Medien genannt wurde, sondern ein 49-jähriger Nigerianer – und niemand hatte es gemerkt, bis die Familie des vermeintlich Verstorbenen am Krankenbett saß.
Ein name, zwei schicksale, null kommunikation
Was passierte? Die Staatsanwaltschaft nennt es „Identifikationspanne in der Aufnahmephase“. Tatsächlich war die Panne länger: Der Irrtum wurde erst am Sonntag korrigiert, 48 Stunden nach dem Unglück. Inzwischen liegt der nigerianische Staatsbürger längst im Leichenschauhaus, während der 56-Jährige – der Mann, für den tagelang Trauerkerzen brannten – beatmet auf der Intensivstation kämpft. Seine Angehörigen erfuhren die Wahrheit, als sie ihn eigentlich identifizieren sollten.
Die erste amtliche Todesmeldung war also falsch. Die zweite offiziell bestätigte Tote ist Fedinando Favia, 59, aus Abbiategrasso. Er starb noch am Unfallort, Viale Vittorio Veneto. Die Stadt Mailand ruderte gestern Abendzurück, entschuldigte sich bei beiden Familien und kündigte eine externe Untersuchung an.
Fahrer kollabierte – blackbox liefert erste daten
Der 60-jährige Fahrer mit 35 Jahren Betriebszugehörigkeit bleibt unter Anklage: fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und Eisenbahnunglück. Er gab an, von einem „plötzlichen Schwächeanfall“ übermannt worden zu sein. Die Blackbox zeichnete ein ruckartiges Bremsmanöver und dann Vollgas auf. Die Geschwindigkeit vor der Weiche: 48 km/h, zulässig wären 30 gewesen. Die Daten sind laut Ermittlern „nicht deckungsgleich“ mit der Aussage des Fahrers.
Staatsanwältin Elisa Calanducci und Chefankläger Marcello Viola lassen keine Hypothese aus: menschliches Versagen, technischer Defekt, medizinische Vorgeschichte. ATM-Mitarbeiter mussten Akten und Funkprotokolle aushändigen, Gutachter zerlegen derzeit die Weichensteuerung. Die ersten Zeugenaussagen widersprechen sich: Ein Passagier berichtet von quietschenden Bremsen, ein Radfahrer sagt, der Tram habe „ohne Vorwarnung“ aufgeholt.
Für die Angehörigen des 49-Jährigen beginnt nun der bürokratische Albtraum. Sie müssen DNA-Proben liefern, weil der Mann keine Papiere bei sich trug. Die nigerianische Botschaft ist eingeschaltet, doch die Heimatgemeinde des Opfers liegt 600 Kilometer nördlich von Lagos – ohne funktionierendes Standesamt. Es könnte Wochen dauern, bis jemand offiziell bestätigt, dass er tot ist.
Mailand trauert weiter, aber jetzt auch mit Wut. Der Bürgermeister versprach „volle Aufklärung bis Ostern“. Die Stadt befürchtet jedoch, dass der Fall vor Gericht Jahrzehnte braucht – wie damals bei der U-Bahn-Katastrophe von 2002. Die Linie 9 rollt wieder, allerdings mit Tempo-20-Aufklebern und zwei zusätzlichen Kontrollwaggons. Die Fahrgäste steigen ein, doch viele schauen auf die Gleise, bevor sie den ersten Schritt wagen.
