Nach 857 tagen: kalajdžić steht wieder in österreichs sturm – und das dritte kreuzband ist nur noch eine fußnote

857 Tage hat es gedauert, bis Saša Kalajdžić wieder in ein österreichisches Nationalteam-Trikot schlüpfen konnte. Die Statistik notierte nur einen abgefälschten Schuss und zwei erfolgreiche Pässe – für den Stürmer zählte allein der Fakt, dass er überhaupt auf dem Platz stand. Drei Kreuzbandrisse, zwei Operationen, ein Syndesmosebandriss, eine Schulterluxation – seine Krankenakte liest sich wie ein Verletzungslexikon. Doch Montagabend in Graz war Kalajdžić plötzlich nur noch Fußballer.

Rangnick setzt auf den comeback-sträfling

Nationaltrainer Ralf Rangnick ließ sich nicht lumpen: „Wir wollen ihn auf unserem Level noch einmal sehen.“ Eine mutige Entscheidung, denn der 28-Jährige spielt seit Sommer nur noch für den LASK, 15 Liga-Einsätze, ein Tor. In der Premier League war er nach dem zweiten Kreuzbandriss nur noch Statist, in Frankfurt nach dem dritten gar nicht mehr. Doch Rangnick schert sich nicht um Zweifel. Er braucht eine Alternative zu Marko Arnautović und Michael Gregoritsch, und er weiß, wie schnell sich ein Torhüter in einen Torjäger verwandeln kann, wenn die mentale Blockade fällt.

Kalajdžić selbst wirkt, als hätte er die Fragen nach dem Warum längst abgelegt. „Wieso sollte ich aufgeben? Es gibt keinen Grund“, sagte er nach dem Ghana-Spiel und klang dabei nicht wie ein Motivationscoach, sondern wie ein Mann, der sich selbst längst überzeugt hat. Die Medien fragen nach dem nächsten Kreuzband, er antwortet mit einem Schulterzucken. Die Mediziner fragen nach der Belastungssteuerung, er antwortet mit Extra-Sprints nach dem Training. Sein Körper mag gebaut sein aus Titan und Absinth, seine Geduld aber ist aus Stahl.

Der große österreicher, der nie für rapid oder austria spielte

Der große österreicher, der nie für rapid oder austria spielte

Die Ironie dabei: Kalajdžić war nie Teil des großen Nachwuchsnetzwerks. Keine Akademie, keine Sponsoren, keine TV-Kameras. Er spielte in der dritten Liga für Admira II, bis Ernst Baumeister ihn auf dem Trainingsplott entdeckte. „Er war als defensiver Mittelfeldspieler der gefährlichste Angreifer“, sagte der Coach einmal. Daraus wurde ein Mittelstürmer mit 1,99 Meter, der in der Saison 2020/21 16 Bundesliga-Tore für Stuttgart erzielte – und dabei noch aussah, als würde er nebenher Jazz-Klavier spielen.

Die Wolverhampton Wanderers zahlten 18 Millionen Euro, weil sie diesen eleganten Koloss sahen, der mit Hackentricks Tore vorbereitet und mit Kopfbällen Tore erzielt. Dann riss das zweite Kreuzband, dann das dritte. Die Analysten sprachen von „struktureller Belastungsintoleranz“, die Fans sprachen vom Fluch. Kalajdžić selbst sprach mit seiner Physiotherapeutin über die nächste Übung. Einem Menschen, der dreimal das gleiche Trauma erlebt, glaubt man nur, wenn er wieder läuft. Und er läuft.

Heute Abend gegen Südkorea dürfte er länger als zehn Minuten auf dem Platz stehen. Vielleicht 30, vielleicht 45. Vielleicht springt er bei einer Flanke hoch und köpft ein, vielleicht verliert er den Ball im Zweikampf. Die Zahl, die zählt, ist nicht die Torquote, sondern die Tage ohne Rückschlag: aktuell 112. Die WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada rückt näher, und mit ihr die Frage, ob Rangnick einen 29-jährigen Stürmer mitnimmt, der einst 18 Millionen Euro kostete und heute für ein Leihgeschäft in der Heimat spielt. Die Antwort lautet: Ja, wenn er fit ist. Und fit ist er, seit er wieder laufen kann.

Kalajdžić wird nicht mehr der Spieler von 2021 werden. Aber er könnte derjenige sein, der in der 88. Minute ein Kopfballtor erzielt und Österreich die K.o.-Phase schenkt. Die Karriere eines Fußballers ist ein Buch mit vielen Kapiteln; sein aktuelles trägt die Überschrift „Nachspielzeit“. Und manchmal wird das Spiel erst in der Nachspielzeit entschieden.