Müller-wohlfahrt: guardiola-streit und die verlorene familie beim fc bayern
Elf Jahre sind vergangen, seitdem Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, eine Legende der Sportmedizin, den FC Bayern München unter dramatischen Umständen verließ. Nun blickt der 83-Jährige im Spiegel zurück auf den Eklat mit Pep Guardiola, der einen Schlussstrich unter eine Ära voller Triumphe und enger Freundschaften zog.
Die abrechnung am 15. april 2015
Der Auslöser war das verlorene Champions-League-Viertelfinal-Hinspiel gegen den FC Porto. In der anschließenden Kabinenansprache wurde Müller-Wohlfahrt von Guardiola öffentlich für die vermeintlich zu hohe Anzahl an Verletzten und die angeblich zu lange Pausen verordneten, die er Spielern gewährte. „Es war ein fürchterlicher Tag“, erinnert sich Müller-Wohlfahrt. „Ich wollte das nicht akzeptieren.“ Die Anschuldigungen erscheinen im Nachhinein absurd, doch der damalige Trainer offenbarte ein Bild von Autorität, das in München bis dato unbekannt war.
Müller-Wohlfahrt betonte, dass seine Diagnostik stets präziser und die Heilung oft schneller voranschritt als anderswo. Guardiola schien jedoch eine andere Vorstellung zu haben, eine, die er aus seiner Zeit beim FC Barcelona mitbrachte, wo er offenbar auch in medizinischen Fragen das letzte Wort haben wollte. Das führte zu einem unüberbrückbaren Konflikt.
„Dettmar Cramer bezeichnete mich mal als ‚Glücksfall für den deutschen Fußball‘“, sagt Müller-Wohlfahrt mit einem Hauch von Wehmut. Auch Udo Lattek, so erinnert er sich, wartete oft bis zur letzten Minute mit der Mannschaftsaufstellung, und verkündete dann: „Der Doktor hat das letzte Wort.“ Diese Vertrautheit, dieses gegenseitige Vertrauen, fehlte im Verhältnis zu Guardiola.

Die rolle hoeneß' und die veränderte fußballwelt
Ein weiterer Faktor, der zum Bruch beitrug, war die Abwesenheit von Uli Hoeneß, der sich zu diesem Zeitpunkt in Haft befand. Müller-Wohlfahrt glaubt fest daran, dass Hoeneß' Präsenz den Konflikt hätte entschärfen können: „Wäre er im Verein gewesen, wäre es nicht zum Bruch mit Guardiola gekommen, da bin ich mir sicher.“
Doch die Zeiten ändern sich. Müller-Wohlfahrt kehrte zwar 2017 auf Bitten von Jupp Heynckes zurück, beendete sein Engagement aber drei Jahre später endgültig. Er spricht von einer zunehmend „kälteren und unpersönlicheren“ Fußballwelt, von astronomischen Gehältern und Transfersummen, die ihm fremd geworden sind. „Es gibt weniger Kameradschaft“, bedauert er.
Die Erinnerung an die „Familie“, die der FC Bayern einst war – an Floßfahrten auf der Isar, Ausflüge auf die Rodelbahn oder Pfingst-Kick-Events in Hinterglemm – sind verblasst. Paul Breitner lud damals zur ungezwungenen Feier ein, und die Blaskapelle weckte ihn an seinem Geburtstag aus dem Bett. Diese Zeiten scheinen unwiederbringlich verloren.
Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer: Unter dem aktuellen Trainer Vincent Kompany, so vermeldet es das Echo, kehrt ein Stück dieser familiären Atmosphäre zurück. „Das freut mich“, gibt Müller-Wohlfahrt zu bedenken, ein Zeichen, dass die Werte, die einst den FC Bayern ausmachten, vielleicht doch nicht ganz vergessen sind.
