Italiens wm-albtraum: warum die squadra azzurra erneut scheiterte

Dreimal hintereinander schauen italienische Fans in leere Fernsehbildschirme. Keine WM-Tore, keine Nationalhymne, keine Träume. Die Niederlage in Bosnien war kein Unfall – sie war die logische Eskalation eines Systems, das seit Jahren schwächelt.

Die play-off-pleite in sarajewo war nur die spitze des eisbergs

Trainer Gennaro Gattuso schickte einen 20-Jährigen ans Elfmeterpunkt. Sebastiano Esposito, bis dahin ein unbeschriebenes Blatt, sollte das Schicksal von 60 Millionen Italienern erlösen. Er schoss daneben. Bosnien jubelte, Italien erlebte das Déjà-vu der Superlative. Dreimal in Folge WM-frei – das ist kein Fluch mehr, das ist ein Arbeitsunfall mit Ansage.

Die Statistik ist gnadenlos: Seit dem Triumph von 2006 schaffte die Squadra Azzurra nur ein einziges Achtelfinale, 2016 gegen Spanien. Danach folgte das Aus gegen Schweden, das verpasste Ticket 2022 gegen Nordmazedonien und nun dies: 1:0 in Zenica, dank spätem Fazio-Tor. Die Rote Karte gegen Bellanova nach 21 Minuten war der Startschuss zur nächsten Tragödie.

Wo sind die neuen totti, pirlo und buffon?

Wo sind die neuen totti, pirlo und buffon?

Valentina Maceri, Moderatorin bei „Reif ist live“, beschreibt das Gefühl vieler italienischer Diaspora: „Der Koch im Restaurant meiner Eltern war am Boden zerstört.“ Ihre Mutter kenne keinen einzigen aktuellen Nationalspieler mehr. Das sagt mehr über den Zustand des italienischen Fußballs als jede Taktik-Analyse. Früher trugen Kinder die Trikots von Del Piero und Nesta, heute wissen sie nicht einmal, wer im Mittelfeld steht.

Die Serie A ist nicht Schuld – zumindest nicht allein. Geldströme aus dem Mittleren Osten und den USA kaufen Stars, doch die eigenen Talente veröden auf der Bank. Ein 18-Jähriger wie Francesco Camarda darf beim AC Mailand sporadisch ein paar Minuten sammeln, während in Spanien oder Deutschland Jugendliche längst Titel gewinnen. Das italienische Stützpunktmodell ist veraltet, die Scouting-Netzwerke verharren in den 2000ern.

Strukturversagen statt pech: das system muss neu gebaut werden

Strukturversagen statt pech: das system muss neu gebaut werden

Der Verband FIGC reagiert mit Sonder-Trainingslagern und Kurklinik-Psychologen. Doch wer die Wurzeln nicht entfernt, kann den Baum nicht retten. Die grassierende Gewalt auf Rängen, die maroden Stadien, die sinkenden Zuschauerzahlen – alles Symptome eines Landes, das den Anschluss verpasst hat. Die Dolce Vita ist längst la vita da incubo geworden, wie Maceri es nennt: das Leben als Albtraum.

Die Lösung ist kein Geheimnis: Mehr Spielzeit für junge Italiener, klare Förderstrukturen, moderne Sportwissenschaft. Doch stattdessen diskutiert der Verband über Wildcard-Plätze für große Klubs. Die Frage ist nicht, ob Italien wieder eine WM erreicht – die Frage ist, ob es überhaupt noch die Kraft besitzt, sich neu zu erfinden. Die Antwort wird nicht auf dem Platz gegeben, sondern in den Büros, in denen über Budgets und Bildung entschieden wird. Bis dahin bleibt der Sommer 2026 wieder ein leeres Versprechen.