Minge rückt ins tor, wolfsburg wühlt sich 3:3: kapitänin wird not-heldin
Stina Johannes flog vom Platz, der VfL-Wolfsburg-Motor qualmte, und plötzlich stand Janina Minge im Kasten – Handschuhe übergestreift, Blick kalt wie der Harz im Januar. Das 3:3 gegen Union Berlin war kein Fußballspiel mehr, es war ein Thriller, geschrieben von Unruhe und Selbstvertrauen.
Moral statt meisterschaft: die wölfinnen ziehen die notbremse
Bayern liegt elf Punkte vor, fünf Spieltage noch. Die Meisterschaft? Makulatur. Doch Stephan Lerch lachte trotzdem, weil er in der Nachspielzeit etwas sah, das schöner ist als Tabellen: sein Team spielte in Unterzahl weiter, als stünde in Lyon schon das Champions-League-Tor drin. „Die Moral – das nehmen wir mit“, sagte er, und meinte damit die Antwort auf drei Patzer und einen Platzverweis, die seine Spielerinnen kurz vor dem Kollaps hatten.
Der Ablauf war verrückt wie ein Montagstraining nach Oktoberfest. Camilla Küvers Eigentor schoss Union 3:1 in Führung, Johannes sah Rot, weil sie außerhalb des Strafraums den Ball mit der Hand stoppte, und Lerch hatte bereits fünf Mal gewechselt – also durfte niemand mehr rein, außer eben Minge. Die Kapitänin hatte vorher per Volley schon den 1:1-Ausgleich erzielt, nun zog sie die Torhüter-Handschuhe über, die „zum Glück passten“, wie sie lachend sagte.
Was folgte, war zehn Minuten pure Anspannung. Union schoss, Wolfsburg blockte mit Knien, Ellenbogen, Willen. Minge kam nicht zum Einsatz, aber sie strahlte Ruhe aus – die Art von Ruhe, die ansteckend ist. „Ich hätte mich in jeden Schuss reingeworfen“, sagte sie hinterher, und das klang nicht nach Pathos, sondern nach Selbstverständlichkeit.

Lyon blickt auf wolfsburg: teamgeist als geheime waffe
Am Donnerstag geht es im Viertelfinal-Rückspiel nach Lyon, 1:2-Rückstand vom Hinspiel. Die Französinnen erwarten ein vermeintlich angeschlagenes Team. Stattdessen bekommen sie eine Bande, die sich in Unterzahl nicht aufgibt, die mit Feldspielerin im Tor punkten kann. „Das zeigt, dass wir unfassbaren Teamgeist haben“, sagte Minge. Die Botschaft: Wir sind chaotisch stark.
Lerch wird die Videoanalyse mit gemischten Gefühlen schauen: technische Fehler, ein Eigentor, eine rote Karte – und trotzdem ein Remis, das sich anfühlt wie Sieg. Die Analysten sprechen von erwartetem Punkteverlust, die Spielerinnen sprechen von Beweis gelebter Mentalität. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, aber sie ist lauter geworden nach diesem Sonntag.
Die Meisterschaft ist abgehakt, das Double auch. Bleibt Europa. Und wenn in Lyon die Anfeuerungsrufe der Französinnen drohnen, haben die Wölfinnen ein Bild im Kopf: Minge in Übergrößen-Handschuhen, wie sie die Latte anstarrt. Das ist kein Motiv für ein Siegertrikot, aber für einen Außenseiter, der sich nicht klein kriegen lässt. Die Moral sitzt tiefer als die Tabelle.
